Zu Weihnachten
Kategorie: Weihnachtsgeschichten für Senioren
Zu Weihnachten Lesezeit: ca. 3 Minuten "Ich kann nun wieder leben", hatte Grete gesagt, und wirklich, das Leben wurd ihr leichter seitdem. Ein beinah freudiger Trotz, dem sie sich, auch wenn sie gehorchte, hingeben konnte, half ihr über alle Kränkungen hinweg. Sie gehorchte ja nur noch, weil sie gehorchen wollte. Wollte sie nicht mehr, so konnte sie, wie sie zu Valtin gesagt hatte, jeden Tag "dem Spiel ein Ende machen".
Autor: Theodor Fontane
Und wirklich, ein Spiel war es nur noch, oder sie wusst es doch in diesem Lichte zu sehen. Das gab ihr eine wunderbare Kraft, und wenn sie dann spätabends in ihre Giebelstube hinaufstieg, die sie, seit das Kind unten aus der ersten Pflege war, wieder mit Reginen bewohnte, so gelang es ihr, mit dieser zu lachen und zu scherzen. Und wenn es dann hiess, "aber nun schlafe, Gret", dann wickelte sie sich freilich in ihre Decken und schwieg, aber nur, um sich in wachen Träumen eine Welt der Freiheit und des Glückes aufzubauen.
Dabei sah sich am liebsten am Bug oder Steuer eines Schiffes stehen, und der Seewind ging, und es war Nachtzeit, und die Sterne funkelten. Und sie sah dann hinauf, und alles war groß und weit und frei. Und zuletzt überkam es sie wie Frieden inmitten aller Sehnsucht, ihr Trotz wurde Demut, und an Stelle des bösen Engels, der ihren Tag beherrscht hatte, sass nun ihr guter Engel an ihrem Bett.
Und wenn sie dann andren Tags erwachte und hinuntersah auf den Garten und den Pfau auf seiner Stange kreischen hörte, dann fragte sie sich: "Bist du noch du selbst? Bist du noch unglücklich?" Und mitunter wusste sie's kaum. Aber freilich auch andere Tage kamen, wo sie's wusste, nur allzu gut, und wo weder ihr guter noch ihr böser Engel, weder ihre Demut noch ihr Trotz sie vor einem immer bitterer und leidenschaftlicher aufgärenden Groll zu schützen wusste.
Ein solcher Tag, und der bittersten einer, war der Weihnachtstag, an dem auch diesmal ein Christbaum angezündet wurde. Aber nicht für Grete. Grete war ja groß, nein, nur für das Kleine, das denn auch nach den Lichtern haschte und vor allem nach dem Goldschaum, der reichlich in den Zweigen glitzerte.
"'S ist Gerdts Kind", sagte Grete, der ihres Bruders Geiz und Habsucht immer ein Abscheu war, und sie wandte sich ihren eigenen Geschenken zu. Es waren ihrer nicht allzu viele: Lebkuchen und Äpfel und Nüsse, samt einem dicken Spangen-Gesangbuch (trotzdem sie schon zwei dergleichen hatte), auf dessen Titelblatt in großen Buchstaben und von Truds eigener Hand geschrieben war: Sprüche Salomonis, Kap. 16, Vers 18.
Sie kannte den Vers nicht, wusste aber, dass er ihr nichts Gutes bedeuten könne, und sobald sich's gab, war sie treppauf, um in der großen Bibel nachzuschlagen. Und nun las sie: "Wer zugrunde gehen soll, der wird stolz, und stolzer Mut kommt vor dem Fall."
Es schien nicht, dass sie verwirrt oder irgendwie betroffen war, sie strich nur, schnell entschlossen, die von Trud eingeschriebene Zeile mit einer dicken Feder durch, blätterte hastig in dem Alten Testament weiter, als ob sie nach einer bekannten, aber ihrem Gedächtnis wieder halb entfallenen Stelle suche, und schrieb dann ihrerseits die Prophetenstelle darunter, die des alten Jacob Minde letzte Mahnung an Trud enthalten hatte:
"Lasse die Waisen Gnade bei dir finden."
Und nun flog sie wieder treppab und legte das Buch an seinen alten Platz. Trud aber hatte wohl bemerkt, was um sie her vorgegangen, und als sie mt Gerdt allein im Zimmer war, sah sie nach und sagte, während sie sich verfärbte: "Sieh und lies!" Und er nahm nun selber das Buch und las und lachte vor sich hin, wie wenn er sich ihrer Niederlage freue.
Denn seine hämische Natur kannte nichts Liebres als den Ärger andrer Leute, seine Frau nicht ausgenommen. Zwischen dieser aber und Greten unterblieb jedes Wort, und als der Fasching kam, den die Stadt diesmal ausnahmsweise prächtig mit Aufzügen und allerlei Mummenschanz feierte, schien der Zwischenfall vergessen.
Und auch um Ostern, als sich alles zu dem herkömmlichen großen Kirchgang rüstete, hütete sich Trud wohl, nach dem Buche zu fragen. Wusste sie doch, dass es Gret unter dem Weißzeug ihrer Truhe versteckt hatte. Denn sie mocht es nicht sehen.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext zum Autor
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Erzählung
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Fontanes kurze Erzählung "Zu Weihnachten" ist ein psychologisch dichtes Porträt der jungen Grete, die in einer lieblosen, von Geiz und Herrschsucht geprägten Familienstruktur gefangen ist. Die scheinbar festliche Weihnachtszeit entpuppt sich als Kulisse für subtile Grausamkeit und emotionalen Missbrauch. Gretes Überlebensstrategie besteht in einem inneren Rückzug und der Konstruktion einer Traumwelt voller Freiheit und Weite, symbolisiert durch das Bild des Schiffes auf hoher See. Dieser innere Raum gibt ihr die Kraft, die Demütigungen des Alltags zu ertragen. Die eigentliche Weihnachtshandlung – die Schenkung eines Gesangbuches mit einem beleidigenden Bibelspruch durch ihre Schwägerin Trud – zeigt die Pervertierung christlicher Werte. Gretes Reaktion, das Zitat durchzustreichen und ein Gegenwort der Barmherzigkeit darunterzuschreiben, ist ein stiller, aber bedeutender Akt des Widerstands. Es ist keine offene Rebellion, sondern eine Behauptung ihrer moralischen Integrität und ein Zeichen, dass ihr innerer Kern nicht gebrochen ist. Die Geschichte endet nicht mit Versöhnung, sondern mit einem schwelenden, unterdrückten Konflikt, der nur oberflächlich "vergessen" scheint. Weihnachten wird hier nicht als Fest der Liebe, sondern als Prüfstein für menschliche Charaktere und soziale Machtverhältnisse dargestellt.
Biografischer Kontext zum Autor
Theodor Fontane (1819-1898) ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des Realismus. Bevor er sich vollends dem Schreiben widmete, arbeitete er als Apotheker, Journalist und Kriegsberichterstatter. Sein umfangreiches Werk, darunter berühmte Romane wie "Effi Briest", "Irrungen, Wirrungen" und "Der Stechlin", zeichnet sich durch präzise Milieuschilderung, psychologische Charakterzeichnung und eine kritische, aber milde Ironie aus. Fontane interessierte sich besonders für die gesellschaftlichen Zwänge und Konventionen des preußischen Adels und Bürgertums im 19. Jahrhundert. Die kleine Erzählung "Zu Weihnachten" spiegelt dieses Interesse im Kleinen wider: Sie seziert die Mikropolitik und die emotionalen Verletzungen innerhalb einer Familie, wobei die festlichen Erwartungen an Weihnachten den Kontrast zur realen Kälte der Beziehungen umso schärfer hervortreten lassen. Fontanes genaue Beobachtungsgabe und sein Gespür für unausgesprochene Konflikte machen diese Miniatur zu einem literarischen Kleinod.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine äußerst ambivalente und gespannte Stimmung. Oberflächlich könnte der Rahmen – Weihnachten mit Christbaum und Geschenken – eine heimelige Atmosphäre suggerieren. Doch Fontane durchbricht diese Erwartung sofort. Die vorherrschende Grundstimmung ist eine bedrückende Enge und latente Feindseligkeit, die nur durch Gretes innere Fluchtreisen in ihre "Welt der Freiheit" zeitweise aufgelockert wird. Diese Traumsequenzen vermitteln ein Gefühl von Weite, Sehnsucht und einem fast melancholischen Frieden. Der Weihnachtstag selbst ist jedoch von Bitterkeit und beissendem Spott geprägt. Die Stimmung ist nicht laut oder dramatisch, sondern leise, unterkühlt und von einer beklemmenden Intensität, die aus den zwischen den Zeilen schwingenden Kränkungen und dem verhaltenen Groll erwächst. Es ist die Stimmung eines emotionalen Gefängnisses, aus dem es nur in der Fantasie ein Entkommen gibt.
Emotionale Wirkung der Geschichte
Die Geschichte löst beim Leser ein komplexes Geflecht von Empfindungen aus. Zunächst empfindest du wahrscheinlich tiefes Mitgefühl und Mitleid mit Grete, die in einer so kalten Umgebung leben muss. Ihre innere Stärke und ihre Traumwelt können aber auch einen Funken Bewunderung und Hoffnung wecken. Die Handlung der Schwägerin Trud und ihres Bruders Gerdt ruft Empörung und Abscheu über deren Geiz, Herzlosigkeit und heuchlerische Frömmigkeit hervor. Die Szene mit dem manipulierten Gesangbuch ist besonders verletzend und löst Unbehagen und Wut aus. Insgesamt dominiert eine nachdenkliche Melancholie und eine gewisse Traurigkeit über die Pervertierung eines Festes, das eigentlich der Liebe gewidmet sein sollte. Die Erzählung hinterlässt keine warme, weihnachtliche Rührung, sondern eine nachhaltige Betroffenheit über die Abgründe, die sich auch im familiären Kreis auftun können.
Moral und Werte der Erzählung
Im krassen Gegensatz zur traditionellen Weihnachtsbotschaft stellt Fontane hier Werte wie scheinheilige Frömmigkeit, Geiz, Herrschsucht und emotionale Grausamkeit in den Mittelpunkt. Die christliche Botschaft wird von den Figuren Trud und Gerdt instrumentalisiert, um zu demütigen und Macht auszuüben (der Spruch "Stolz kommt vor dem Fall"). Die eigentlichen Werte, die die Geschichte indirekt vermittelt, sind jedoch ganz andere und werden durch Grete verkörpert: innerer Widerstand, die Bewahrung der eigenen Würde auch in ausweglos erscheinenden Situationen, die Kraft der Fantasie und die Sehnsucht nach authentischer Freiheit. Ihr Gegenvers "Lasse die Waisen Gnade bei dir finden" ist ein Appell an Barmherzigkeit und Mitgefühl – Werte, die in ihrer Familie völlig fehlen. Die Geschichte passt insofern zu Weihnachten, als sie ein scharfes kritisches Licht auf die Diskrepanz zwischen festlichem Anspruch und menschlicher Wirklichkeit wirft und dazu auffordert, die wahren Werte des Festes nicht in Äußerlichkeiten, sondern im zwischenmenschlichen Verhalten zu suchen.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Die Erzählung ist in erschreckendem Maße zeitgemäß. Auch heute sind familiäre Zusammenkünfte zu Feiertagen oft Schauplätze unausgesprochener Konflikte, emotionaler Erpressung oder subtiler Kränkungen. Das Thema des psychischen Missbrauchs innerhalb von Familien, der sich nicht in physischer Gewalt, sondern in Herabwürdigung und Machtspielen äußert, ist hochaktuell. Gretes Strategie des inneren Rückzugs und der mentalen Flucht ist eine Überlebensmechanik, die viele Menschen in toxischen Beziehungen oder Arbeitsverhältnissen kennen. Die Frage, wie man seine Integrität in einem feindlichen Umfeld bewahrt, ohne sich selbst zu verlieren, ist universell. Fontanes Geschichte wirft damit Fragen auf, die heute genauso relevant sind: Wie gehen wir mit emotionaler Kälte in unserem nahen Umfeld um? Wo hört Anpassung auf und beginnt Selbstaufgabe? Sie entlarvt die Fassade des heilen Festes und ermutigt uns, hinter die Kulissen zu schauen – eine Haltung, die in einer Zeit der sozialen Medien und perfekten Inszenierungen besonders wichtig ist.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich weniger für eine fröhliche, besinnliche Weihnachtsfeier im großen Kreis. Sie ist ideal für ruhige, reflektierende Momente in der Advents- oder Weihnachtszeit, vielleicht am Abend, wenn du einmal über den reinen Konsum- und Glanzaspekt des Festes nachdenken möchtest. Sie bietet hervorragenden Gesprächsstoff für literarische Kreise, Buchclubs oder den Deutschunterricht, wo sie analysiert und diskutiert werden kann. Auch für dich persönlich kann sie ein Anstoß sein, über die Qualität der eigenen Familienbeziehungen oder die Erwartungen an die Feiertage zu reflektieren. Sie ist ein "Gegenmittel" zur allgegenwärtigen Weihnachtsromantik und schärft den Blick für die menschlichen Realitäten hinter den festlichen Lichtern.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Wegen ihrer subtilen psychologischen Zeichnung und ihrer komplexen, unaufgelösten Thematik eignet sich die Geschichte vor allem für Jugendliche ab etwa 16 Jahren und Erwachsene. Junge Erwachsene, die sich mit Fragen der Ablösung von der Herkunftsfamilie, der eigenen Identität und dem Umgang mit Autoritäten beschäftigen, können besonders viel aus der Figur der Grete herauslesen. Für literarisch interessierte Leserinnen und Leser jeden Alters, die eine anspruchsvolle, kurze Prosa schätzen, ist sie ein echter Gewinn. Die Sprache Fontanes ist zwar klar, aber in ihrer Präzision und ihrem historischen Kolorit für jüngere Kinder wahrscheinlich schwer zugänglich und emotional zu fordernd.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte ist weniger geeignet für Menschen, die an Weihnachten ausschließlich ungetrübte Besinnlichkeit, Herzlichkeit und eine eindeutig positive, versöhnliche Botschaft suchen. Wer mit kleinen Kindern eine gemütliche, vorweihnachtliche Stunde gestalten möchte, sollte zu einer anderen Erzählung greifen. Auch für eine rein unterhaltende, entspannende Lektüre ist sie aufgrund ihrer bedrückenden Grundstimmung nicht der richtige Text. Personen, die selbst in hochkonflikthaften oder missbräuchlichen Familienbeziehungen stecken, könnten die Geschichte als zu nah an der eigenen Realität und damit als belastend empfinden. Sie ist kein "Feel-Good"-Stück, sondern eine literarische Herausforderung, die den Leser fordert und zum Nachdenken anregt, anstatt ihn in weihnachtlicher Geborgenheit einzuwickeln.
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