Vom heiligen Nikolaus
Kategorie: Nikolausgeschichten
Vom heiligen Nikolaus Lesezeit: ca. 2 Minuten Es war einmal in einer Stadt ein Dieb, der hatte schon viel Schlimmes getan.
Autor: Alexander Nikolajewitsch Afanassjew
Einmal beraubte er einen reichen Mann, das wurde entdeckt und man verfolgte ihn. Lange Zeit lief der Dieb durch den Wald davon, aber endlich kam er an eine freie Steppe, die war vielleicht zehn Werst lang. Da blieb der Dieb stehen und wußte nicht, was er machen sollte.
Lief er über die Steppe, so fingen ihn seine Verfolger gleich ein, denn man sah auf der Steppe alles von weitem und er hörte, daß seine Verfolger ihm schon nahe waren. Da begann er zu beten:
"Herr, vergib meiner sündigen Seele! Väterchen, heiliger Nikolaus, verbirg mich, dann opfere ich dir eine dicke Wachskerze."
Plötzlich stand ein älterer Mann vor dem Dieb und fragte:
"Was hast du gesagt?"
Der Dieb antwortete:
"Ich flehte: Väterchen, heiliger Nikolaus, verbirg mich in dieser Öde, und dann versprach ich, ihm eine Kerze zu weihen." Darauf beichtete der Dieb dem Alten seine Sünde.
Der Alte sagte: "Wenn du willst, krieche in dieses Aas." Es lag da ein Aas in der Nähe und der Dieb konnte sich nicht helfen und mußte in das Aas kriechen, denn er wollte nicht gefangen werden. Er kroch hinein, und im selben Augenblick war der Alte verschwunden, denn es war der heilige Nikolaus selber gewesen.
Die Verfolger kamen, ritten wohl einen halben Werst weit in die Steppe hinein, aber als sie niemand sahen, kehrten sie wieder um. Der Dieb lag mittlerweile im Aas und konnte kaum atmen, des faulen Geruchs wegen. Als die Verfolger verschwunden waren, stieg er heraus und sah wieder jenen Greis in der Nähe stehen und Wachs einsammeln. Der Dieb trat zu ihm und dankte für seine Befreiung. Da fragte der Alte wieder:
"Was hast du dem heiligen Nikolaus versprochen, als du eine Zuflucht suchtest?"
Der Dieb antwortete:
"Ich versprach ihm eine Kerze."
"So ist es! So übelriechend aber wie dir das Aas erschien, in dem du verborgen lagst, ebenso erschiene dem heiligen Nikolaus deine Kerze! Flehe niemals", – fügte der Alte noch hinzu, – "Gott den Herrn und die Heiligen, seine Diener, um schlechter Dinge willen an, denn Gott segnet sie nicht. Gib acht und merk dir meine Worte. Sag es auch den andern, daß sie Gott nicht um Böses bitten!"
Er sagte es und verschwand.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Geschichte
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Afanassjews Erzählung "Vom heiligen Nikolaus" ist weit mehr als eine simple Wundergeschichte. Sie funktioniert als tiefgründige Parabel über Gebet, Reue und die wahre Natur von Frömmigkeit. Der Dieb, in höchster Not, versucht ein Geschäft mit dem Heiligen abzuschließen: Rettung gegen eine materielle Gabe, die "dicke Wachskerze". Die Erhörung seines Gebets geschieht jedoch auf eine Weise, die ihn zutiefst demütigt. Die Zuflucht in das stinkende Aas ist ein starkes Symbol. Sie spiegelt den moralischen Zustand des Diebes wider und macht ihm physisch erfahrbar, wie sein frommes Versprechen aus der Perspekt des Heiligen "riecht" – nämlich nach Eigennutz und Unaufrichtigkeit. Die Rettung ist kein Freibrief, sondern eine Lektion. Der heilige Nikolaus erscheint nicht als wohlwollender Gabenbringer, sondern als strenger Lehrer, der die Verantwortung des Beters in den Mittelpunkt stellt. Die Kernbotschaft lautet: Ein Gebet für egoistische oder gar schädliche Ziele entwertet sich selbst. Frömmigkeit, die aus einer unreinen Motivation geboren wird, ist dem Heiligen ein Gräuel. Die Geschichte hinterfragt damit kritisch ein mechanistisches Verständnis von Religion, bei dem man durch Opfergaben göttlichen Beistand "erkaufen" kann.
Biografischer Kontext des Autors
Alexander Nikolajewitsch Afanassjew (1826–1871) ist eine Schlüsselfigur nicht nur der russischen, sondern der weltweiten Literatur- und Kulturgeschichte. Als Jurist im Archiv des russischen Außenministeriums hatte er Zugang zu einer Fülle historischer Dokumente. Seine Lebensaufgabe wurde es jedoch, die mündlich überlieferten Volkserzählungen des riesigen russischen Reiches zu sammeln, zu systematisieren und zu veröffentlichen. Seine zwischen 1855 und 1863 erschienene Sammlung "Narodnye russkie skazki" (Russische Volksmärchen) umfasst über 600 Texte und wird oft mit den Arbeiten der Brüder Grimm verglichen. Im Gegensatz zu den Grimms bearbeitete Afanassjew die Texte jedoch weniger literarisch, sondern strebte eine möglichst authentische, philologisch genaue Wiedergabe an. Die hier vorliegende Geschichte entstammt seinem zweiten großen Werk, der Sammlung "Russische Volkslegenden" (1859), die fromme Erzählungen und Heiligengeschichten versammelte. Diese Sammlung wurde von der zaristischen Zensur verboten, da sie einen zu volksnahen, unverklärten Blick auf das Religiöse bot. Afanassjews Arbeit bewahrte einen immensen kulturellen Schatz vor dem Vergessen und gibt uns heute einen einzigartigen Einblick in die Glaubensvorstellungen und die moralische Imagination des russischen Volkes im 19. Jahrhundert.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine sehr spezifische, dichte Atmosphäre, die sich im Verlauf wandelt. Sie beginnt mit der düsteren, atemlosen Stimmung einer Verfolgungsjagd – geprägt von Angst, Panik und Ausweglosigkeit in der weiten, ungeschützten Steppe. Die Erscheinung des alten Mannes bringt ein Moment des Übernatürlichen und Geheimnisvollen. Die Stimmung wird dann jedoch zunehmend drückend und beklemmend, wenn der Dieb in das Aas kriechen muss. Die bildhafte Schilderung des fauligen Geruchs und der Enge überträgt sich fast physisch auf den Leser. Die abschließende Begegnung ist von einer strengen, beinahe feierlichen Ruhe geprägt. Es herrscht die Stimmung einer ernsten, unumstößlichen Belehrung, die jeden Raum für ausgelassene Freude über die Rettung nimmt und stattdessen nachdenkliche Stille hinterlässt.
Emotionale Wirkung der Geschichte
Die Geschichte löst ein komplexes Geflecht von Empfindungen aus. Zunächst fühlt man vielleicht mit dem gehetzten Dieb mit, ein Funken Hoffnung kommt mit seinem Gebet auf. Das ungewöhnliche und abstoßende Mittel der Rettung – das Aas – sorgt für Befremden und Ekel. Die Erleichterung über die geglückte Flucht wird sofort wieder getrübt. Statt Freude oder Rührung dominiert eine tiefe Nachdenklichkeit. Die klaren, harten Worte des Heiligen Nikolaus wirken wie ein kalter Wasserguss und führen zu einer ernüchternden Einsicht. Man empfindet eine Art demütigende Scham, stellvertretend für den Dieb. Die emotionale Reise endet nicht in Wärme oder Geborgenheit, sondern in einer fordernden moralischen Einsicht, die den Leser auffordert, die eigene Haltung zu hinterfragen. Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht und lange im Gedächtnis bleibt.
Moral und Werte der Geschichte
Im Zentrum dieser Weihnachtsgeschichte steht ein radikaler ethischer Anspruch, der über den konfessionellen Rahmen hinausweist. Zwar ist der heilige Nikolaus eine christliche Figur, die vermittelte Botschaft ist jedoch eine universelle: Die Reinheit der Absicht. Die Geschichte lehrt, dass die Motivation hinter einer Bitte oder einer guten Tat entscheidend ist. Ein Gebet für selbstsüchtige Zwecke ist hohl und wertlos. Sie warnt davor, höhere Mächte für "schlechte Dinge" instrumentalisieren zu wollen. Dieser Wert der Aufrichtigkeit und inneren Lauterkeit passt sehr wohl zu Weihnachten, wenn man es als Fest der inneren Einkehr und moralischen Erneuerung versteht, nicht nur des äußeren Schenkens. Es ist eine notwendige Ergänzung zu den oft dominierenden Geschichten von unverdienter Gnade und bedingungsloser Liebe. Diese Legende erinnert daran, dass auch der Bittsteller eine Verantwortung trägt – eine Botschaft von bleibender Aktualität.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Die Geschichte ist in hohem Maße zeitgemäß und wirft Fragen auf, die heute relevanter denn je erscheinen. In einer Welt, in der "Wunschdenken" und die Erwartung, Lösungen ohne eigenes Zutun zu erhalten, weit verbreitet sind, stellt sie eine notwendige Korrektur dar. Moderne Parallelen lassen sich vielfach ziehen: Der Versuch, durch oberflächliche Gesten (wie das "Kerzen-Versprechen") von einem schlechten Lebenswandel abzulenken; die Suche nach schneller Rettung aus einer selbstverschuldeten Krise, ohne die Ursachen zu bereuen; oder auch die kommerzialisierte Seite von Festen, bei der das äußere Ritual den inneren Gehalt ersetzt. Die Legende fordert uns auf, unsere Gebete, Wünsche und Versprechen auf ihre Aufrichtigkeit zu prüfen. Sie ist ein Appell für geistige Hygiene und persönliche Integrität in einer Zeit der schnellen und oft leeren Versprechungen.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich nicht für ein lautes, festliches Weihnachtsprogramm. Sie ist ideal für ruhige, besinnliche Momente in der Advents- oder Weihnachtszeit. Denkbar ist ihr Vortrag oder ihre Lektüre:
- Im Rahmen einer Adventsandacht oder eines Gottesdienstes, der das Thema "wahre Buße" oder "aufrichtiges Gebet" in den Mittelpunkt stellt.
- Beim familiären Adventskranzanzünden an einem ruhigen Abend, um eine tiefgründige Gesprächsgrundlage zu schaffen.
- In der Weihnachtspädagogik mit älteren Kindern oder Jugendlichen, um über die Bedeutung von Weihnachten jenseits des Materialismus zu diskutieren.
- Für persönliche Einkehr und Reflexion in der oft hektischen Vorweihnachtszeit.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Erzählung ist aufgrund ihrer drastischen Metaphorik (dem Aas) und ihrer abstrakten moralischen Botschaft vor allem für Jugendliche ab etwa 12 Jahren und Erwachsene geeignet. In diesem Alter sind junge Menschen in der Lage, die symbolische Ebene zu verstehen und die komplexe ethische Frage nach Motivation und Aufrichtigkeit zu diskutieren. Die Geschichte bietet reichhaltigen Stoff für Gespräche über Religion, Ethik und persönliche Verantwortung. Für literarisch oder philosophisch interessierte Jugendliche kann sie besonders faszinierend sein.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für sehr junge Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter. Die Vorstellung, in ein verwesendes Tier kriechen zu müssen, könnte sie ängstigen oder ekeln, ohne dass sie den tieferen Sinn erfassen können. Auch für Menschen, die eine heitere, tröstliche und unkomplizierte Weihnachtserzählung suchen, ist sie die falsche Wahl. Wer an Heiligabend eine Geschichte erwartet, die pure Festtagsfreude, Harmonie und das Gefühl unverdienter Bescherung vermittelt, könnte von der strengen und ernüchternden Moral dieser Legende enttäuscht oder überfordert sein. Sie ist kein "Gute-Nacht-Märchen" für den Heiligen Abend, sondern eine anspruchsvolle Parabel für den Verstand und das Gewissen.