Nikolause

Kategorie: Nikolausgeschichten

Nikolause Lesezeit: ca. 4 Minuten Es war Niklausabend-Tag, und soeben hatte der Bäcker ein großes Kuchenblech voll frischgebackener Nikolause aus dem Ofen gezogen.
Die Augen standen ihnen - dass Gott erbarm! - so dick wie Froschaugen aus dem Kopfe heraus. Eine Nase hatte der Bäcker überhaupt für überflüssig gehalten - auch Ohren. Der Mund aber saß dem einen rechts - dem andern links, und hatte eine
verzweifelte Ähnlichkeit mit den Westenknöpfen.
Von den Armen und Beinen gar nicht zu reden! Was kümmerten die den Bäcker? Er hatte ja alle seine vier Glieder - und nicht zu knapp! Die Nikolause, die würde er auf alle Fälle verkaufen, ob sie nun wulstige oder spindeldürre Arme - gerade Beine oder nur zwei zugespitzte Klumpen hatten.
Zuerst waren nun die Frischgebackenen da eine Weile still. Sie mussten sich die Welt ringsum doch erst ein wenig ansehn. Da merkten die, die das Glück hatten, geradeaus sehn zu können, dass die Decke der Backstube lachte.
"Warum lachen Chie?" fragte einer, der einen bedauerlich schiefen Wund bekommen hatte.
"Ach" - entschuldigte sich die Decke - "ich wunderte mich nur darüber, dass der Bäcker es in keinem Jahre fertig bringt, tadellose Nikolause zu backen."
"Tadelloch - wach choll dach heichen?" fragte der Nikolaus und rollte seine schwarzen Korinthenaugen.
Nun mischten sich auch die andern ein. "Ja - wollen Sie uns bitte eine Erklärung geben, was sie mit dem Worte "tadellos" gemeint haben?"
"Ach - ich meinte ja nur so - so - na ja: eben so, wie sich's gehört. Arme und Beine hübsch regelmäßig geformt, der Mund in der Mitte und auch die Augen auf ihrem richtigen Platz. Aber es ist noch nie vorgekommen, dass der Bäcker solche Männer zustande gebracht hat. Der heilige Nikolaus wird sich bedanken für seine gebackenen Photographien!"
Inzwischen hatte der Bäckermeister sich daran gemacht, ein zweites Blech mit Teigmännern zu belegen. Sie fielen nicht besser aus. Im Gegenteil! Es war haarsträubend, was der Bäcker sich in seiner Schöpferlaune leistete! Klebten zwei Korinthen zusammen - "Da: hast de zwei Münder."
"Es ist empörend!" rief der Tisch. "Ein Doppelmund! Aber der wäre dem schwatzhaften Bäcker selber sicher sehr angenehm. Dass ihm doch der heilige Nikolaus den eigenen Kopf so tief zwischen die Schultern steckte!"
"Ja - und ihn recht kräftig an den Ohren zwickte," grollte der Stuhl. "Dann würde er sich seiner Hörorgane vielleicht erinnern."
Am hitzigsten war aber der Backofen. "Die Augen sollte man ihm auskratzen und sie ihm hüben und drüben auf die Backen kleistern" - schrie er wütend. "Ein Skandal ist es! Und schließlich bleibt ja doch alles an mir hängen."
Nun kam die Frau Bäckermeisterin mit einem Körbchen, stellte die Nikolause hinein und trug sie in das Schaufenster des Mädchens.
"Aah - aah - aah -," kam es von allen Seiten, "die Herren Nikolause!" Gleich kam auch ein Trupp Schulbuben die Straße daher, drückte sich die Nase an den Scheiben platt, rief: "Nikkelees! Nikkelees!" und verschlang mit den Augen das ganze Körbchen.
Die Männer aus dem feurigen Ofen mussten durchaus den Eindruck gewinnen, als werde ihnen hier unverhohlene - ja begeisterte Bewunderung zuteil.
Einer von ihnen, dem die Augen ungefähr in gleicher Höhe mit dem Munde saßen, dessen obere Kopfhälfte aber dafür außerordentlich viel Platz zum Denken ließ, philosophierte: "Der Geschmack und die Ansichten dieser Welt scheinen sehr geteilt zu sein. Was von dem einem verlacht wird, wird von den andern bewundert."
Mit dieser Erkenntnis suchten seine Kameraden - je nach Veranlagung - (d.h.: je nachdem man ihnen die Korinthen in den Kopf gedrückt und dadurch ihren Gesichtern Ausdruck verliehen hatte) fertig zu werden. Die einen mit Humor, die andern mit Pessimismus, die dritten mit dem Grundsatz der allgemeinen Wurschtigkeit.
"Was aber mag der eigentliche Zweck des Lebens - des Lebens eines Nikolauses - sein?" grübelte der mit der Denkerstirne weiter.
Er brauchte nicht lange auf die Antwort zuwarten. Die Ladentür klingelte, und herein trat eine Frau in Schürze, Pantoffeln und Kopftuch. "Gewwe Se mer mal sechs Stick von dene Nikkeleese", sagte sie zur Bäckermeisterin. "Mer muss doch merkke, dass heit Nikkeleesabend is. Awwer von dene große - zu 10 Pfennig."
"Aha!" dachte der Philosoph aus Kuchenteig. "Die Dinge des Lebens werden also verschieden bewertet. Je nach Größe und Umfang - sehr vernünftig!"
Er verschwand mit fünf Kollegen in einer Tüte. "Zuhause" wurde er ausgepackt.
"Wie groß ist doch die Welt! Nicht nur einen Geburtsort und einen Kaufladen - nein: auch noch eine Straße und ein "Zuhause" gibt es darin -" dachte er begeistert.
Nun verbreitete sich in der Stube ein würziger Duft; Tassen wurden auf den Tisch gestellt und in jede derselben ein Nikolaus hineingesteckt. Recht stattlich nahm er sich doch aus, dieser Kreis von wackeren Kumpanen! Herzerquickend war denn auch die Freude der Kinderschar.
Unser Held wollte gerade ausrufen: "Kameraden - O Gott - das Leben ist doch schön!" da verzogen sich seine drei Münder - oder seine drei Augen - wie man's nehmen will - und er spürte einen Riss in seiner Kopfhaut. "Ach nein - kurz scheint's zu sein," konnte er merkwürdigerweise doch noch denken. "Und der Hunger scheint mächtiger zu sein als die Liebe."
Hierin hatte er nicht unbedingt recht - glücklicherweise. Denn wenn auch seine fünf Genossen geköpft, gevierteilt oder sonst wie misshandelt und dann aus kannibalische Weise verspeist wurden - er kam mit einer leichten Verletzung davon.
"Ich will mein Nikkelees doch liewer erst mal dem werkliche Nikkelees heit abend zeige -" sagte seine kleine Besitzerin liebevoll.
"Tu des - tu des nur, mei Herzche," nickte die Mutter.
Also ward dem Glücklichen noch eine Galgenfrist beschert. Er benutzte sie natürlich sofort wieder zum philosophieren. "Nur die Gedanken scheinen ewig," meinte er. -
Nun: Der Abend kam, und der wirkliche Nikolaus kam. Er betrachtete sein Kuchen-Konterfei - lange und prüfend; und schüttelte dann sein ehrwürdiges Haupt.
Plötzlich aber hellte sich die Miene des wirklichen Nikolaus auf. "Ich armer Nikolaus - soll ich schon klagen?" rief er aus. "Du lieber Gott - - - was musst du erst alles an deinen Ebenbildern erleben!"

Autor: Sophie Reinheimer

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Sophie Reinheimer erzählt in "Nikolause" eine ungewöhnliche und tiefgründige Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive von Gebäck. Die missratenen Teigmänner werden durch die Augen der Backstuben-Einrichtung – Decke, Tisch, Stuhl, Ofen – als hässlich und fehlerhaft beschrieben. Diese äußere Kritik kontrastiert scharf mit der späteren, begeisterten Reaktion der Kinder. Die Geschichte vollzieht eine clebre Perspektivverschiebung: Was aus der Nähe und mit einem perfektionistischen Maßstab als Makel erscheint, wird aus der Distanz und mit kindlicher Vorfreude als wunderbar und begehrenswert empfunden. Der philosophierende Nikolaus mit der Denkerstirn durchläuft eine regelrechte Bewusstseinsreise. Er erkennt die Subjektivität von Schönheit und Wert, die Relativität von Urteilen und schließlich die Vergänglichkeit seines eigenen Daseins. Die Pointe liegt im Schlussmonolog des echten Nikolaus, der sein eigenes, krummes Ebenbild betrachtet. Seine Einsicht – dass auch Gott mit seinen unvollkommenen menschlichen "Ebenbildern" leben muss – erweitert die Geschichte ins Universelle. Es geht nicht mehr nur um Gebäck, sondern um die grundsätzliche Akzeptanz von Unvollkommenheit, sowohl bei sich selbst als auch bei anderen. Die Geschichte ist damit eine humorvolle und nachdenkliche Parabel über Toleranz und den Blickwinkel.

Biografischer Kontext der Autorin

Sophie Reinheimer (1874-1935) war eine deutsche Schriftstellerin, die vor allem durch ihre Kinder- und Jugendbücher sowie ihre Natur- und Tiergeschichten bekannt wurde. Sie veröffentlichte auch unter dem Pseudonym "S. Rehhein". Ihre Werke sind oft von einem warmherzigen, einfühlsamen Ton und einem genauen Blick für Details geprägt, was sich auch in "Nikolause" zeigt. Reinheimer schrieb in einer Zeit, in der Kinderliteratur zunehmend als eigenständige Kunstform anerkannt wurde. Ihr Werk steht in der Tradition der empathischen Erzählung, die die Welt aus der Sicht des Kindes oder, wie hier, sogar eines unbelebten Gegenstands betrachtet. Diese Fähigkeit, Dingen und Tieren eine Stimme zu geben und sie zu "beseelen", ist ein charakteristisches Merkmal ihres Schaffens. "Nikolause" ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sie scheinbar simple Alltagsszenen mit philosophischer Tiefe und feinem Humor auflädt.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Geschichte erzeugt eine einzigartige Mischung aus Stimmungen. Zunächst herrscht eine leicht grotesk-komische Atmosphäre in der Backstube, geprägt durch die absurden Beschreibungen der misslungenen Teigmänner und den empörten Geplänkel der Haushaltsgegenstände. Diese heitere, fast slapstickartige Stimmung weicht einer warmherzigen, nostalgischen Note, sobald die Nikolause im Schaufenster liegen und die Kinder begeistert herbeilaufen. Die philosophischen Betrachtungen des Protagonisten bringen dann eine nachdenkliche, fast melancholische Komponente ins Spiel, die in der Szene seines nahenden "Verzehrs" eine leichte Tragik erreicht. Der Schluss mit dem echten Nikolaus vereint alle Stränge zu einer versöhnlichen, weisen und ruhigen Grundstimmung. Insgesamt ist es eine wechselvolle, aber stets liebevoll getragene Erzählung.

Emotionale Wirkung der Geschichte

"Nikolause" löst ein breites Spektrum an Gefühlen aus. Der Leser empfindet zunächst belustigtes Mitleid mit den unförmigen Teigmännern, bevor die kindliche Freude im Schaufenster ansteckend wirkt. Die Gedankengänge des philosophierenden Nikolaus regen stark zum Nachdenken an über Wertigkeit, Vergänglichkeit und die unterschiedlichen Perspektiven im Leben. In dem Moment, in dem er den Riss in seiner Kopfhaut spürt, stellt sich ein Hauch von Traurigkeit und Mitgefühl für seine kurze Existenz ein. Die Rettung durch das kleine Mädchen und ihre liebevolle Absicht, ihn dem "werkliche Nikkelees" zu zeigen, löst Rührung und ein Gefühl der Hoffnung aus. Die finale Einsicht des Heiligen Nikolaus schließlich hinterlässt ein tiefes Gefühl der Bescheidenheit, der Akzeptanz und einer tröstlichen Weisheit. Nostalgie wird durch die Schilderung des traditionellen Niklausabends mit Tassen und Kinderschar geweckt.

Moral und Werte der Geschichte

Im Vordergrund steht nicht die klassische christliche Weihnachtsbotschaft, sondern ein Bündel allgemein menschlicher Werte. Zentral ist die Toleranz gegenüber Unvollkommenheit und Andersartigkeit. Die Geschichte lehrt, dass Schönheit und Wert im Auge des Betrachters liegen und dass vermeintliche Makel aus einer anderen Perspektive liebenswerte Eigenheiten sein können. Sie plädiert für Demut und Selbstreflexion, wie die Schlussrede des echten Nikolaus zeigt: Bevor man andere kritisiert, sollte man die eigenen Unzulänglichkeiten bedenken. Weitere vermittelte Werte sind die Freude an kleinen Dingen, die kindliche Unvoreingenommenheit und die Kraft der Zuneigung, die einem Wesen – selbst einem Gebäckstück – Bedeutung verleiht. Diese Werte der Nächstenliebe, Bescheidenheit und Herzlichkeit passen perfekt zum weihnachtlichen Geist, auch ohne direkten religiösen Verweis.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Die Geschichte ist in hohem Maße zeitgemäß. In einer von Perfektionsstreben und standardisierten Schönheitsidealen geprägten Gesellschaft (Social Media, Filter, Optimierungswahn) ist ihre Botschaft aktueller denn je. Sie erinnert uns daran, die Einzigartigkeit und den Charakter des "Unperfekten" zu schätzen. Die Frage nach dem "eigentlichen Zweck des Lebens", die der Teignikolaus stellt, ist eine universelle und zeitlose. Moderne Parallelen lassen sich überall ziehen: ob es um die Akzeptanz des eigenen Körpers, um die Wertschätzung handgemachter Dinge gegenüber maschineller Massenware oder um den respektvollen Umgang mit Menschen, die nicht der Norm entsprechen, geht. Die Geschichte wirft die hochrelevante Frage auf, nach welchen Maßstäben wir bewerten und wer das Recht hat, diese festzulegen.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Die Geschichte eignet sich ideal für den Nikolaustag am 6. Dezember, um die Tradition des Nikolausgebäcks mit einer besonderen Erzählung zu begleiten. Sie passt aber auch wunderbar in die Adventszeit als vorweihnachtliche Gutenachtgeschichte oder zum Vorlesen bei einem gemütlichen Familien-Nachmittag mit Lebkuchen und Tee. Darüber hinaus bietet sie sich für pädagogische Settings an, etwa im Kindergarten oder Grundschulunterricht, um Themen wie "Anderssein" oder "Wertschätzung" zu besprechen. Auch in Seniorenkreisen kann sie nostalgische Erinnerungen an frühere Niklausabende wecken und zu philosophischen Gesprächen anregen.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Grundsätzlich ist die Geschichte für ein breites Altersspektrum ab etwa 5 oder 6 Jahren geeignet. Jüngere Kinder werden die lustigen Beschreibungen der schiefen Nikolause und die Begeisterung der Schulbuben verstehen und genießen. Die philosophischen Elemente und die tiefere Moral erschließen sich dann schrittweise mit zunehmendem Alter. Jugendliche und Erwachsene können die satirischen und lebensphilosophischen Aspekte vollständig erfassen und schätzen. Damit ist es eine typische "All-Age"-Geschichte, die jeder Altersgruppe etwas zu bieten hat, je nach eigenem Erfahrungshorizont.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Weniger geeignet ist die Geschichte für sehr junge Kinder unter 4 Jahren, da die Handlung mit ihren Perspektivwechseln und dem etwas abstrakten Ende für sie noch schwer nachvollziehbar sein könnte. Die Szene, in der die Nikolause "geköpft" und "verspeist" werden, könnte sensible Kinder ängstigen oder traurig stimmen, auch wenn sie metaphorisch verbrämt ist. Menschen, die eine klare, straffe Handlung oder eine eindeutig religiöse Weihnachtserzählung suchen, werden hier möglicherweise nicht fündig. Der Dialekt ("Gewwe Se mer", "Awwer") und die altertümliche Sprache ("dass Gott erbarm") könnten für Nicht-Muttersprachler oder Leser ohne Bezug zum deutschen Sprachraum eine kleine Hürde darstellen.

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