Die Geschichte vom Tannenbäumchen

Kategorie: Weihnachtsgeschichten für Kinder

Die Geschichte vom Tannenbäumchen Lesezeit: ca. 10 Minuten "Tante Luise", sagte am andern Abend Mathildchen, "was erzählst Du uns denn heute für eine Geschichte? Weißt Du denn noch etwas?"
"Ja freilich weiß ich noch etwas, hört mir nur zu!" "Ach, Tante", sagte das Mathildchen wieder, "es dauert doch gar zu lange bis das Christkind kommt, ich kann es kaum noch aushalten und werde ganz ungeduldig." "Ungeduldig? das musst Du Dir vergehen lassen. Höre nur wie geduldig das Tannenbäumchen war und wie es stille wartete, bis sein Zeit kam, denn die Geschichte, die ich heute erzähle, kommt in unserm Garten vor!"
Die Kinder stützten ihre kleinen Ellenbogen auf der Tante Knie und sie begann:
"Es war einmal ein schöner großer Garten, in dem standen eine Menge Bäume, welche alle die herrlichsten Früchte trugen. Auf dem einen wuchsen Kirschen, auf dem andern Birnen, auf dem dritten Äpfel und so fort, aber bei allen gab es etwas zu naschen vom Frühjahr bis zum Herbst und die Kinder, die in dem Garten wohnten, hatten die Bäume sehr lieb.
Nun war es wieder einmal Frühling und der Garten stand da in seinem schönsten Schmucke. Die Kirschbäume waren anzusehen, als wären sie mit Zucker bestreut, die Pfirsiche hatten rosenrote Blüten wie der Abendhimmel und die Apfelbäume waren mit weißen Röslein ganz überschüttet.
Da war kein Strauch und kein Bäumchen auch noch so klein, welches nicht eine Blütenflocke oder ein lichtes, saftgrünes Blättchen aufzuweisen hatte und wenn dann die liebe Sonne so drüber hin schien, war der Garten gar zu lieblich anzusehen. Aber mitten drinnen in all der Pracht stand ein kleiner Baum, für den schien kein Frühling gekommen zu sein, denn starr und dunkelgrün streckten seine Nadeln sich hinaus und auch nicht die kleinste weiße oder rote Blüte war daran aufzufinden.
Das Bäumlein aber war trotz seiner Armut ganz zufrieden, beklagte sich nicht, und kam manchmal im Vorüberfliegen ein Vöglein seinem Wipfel nahe und ruhte sich darauf aus, so freute es sich wie die andern Bäume an dessen Gezwitscher und dachte nicht daran, wie unscheinbar es neben ihnen aussah.
Aber das ärgerte die schöngeputzten Bäume und ein hochmütiger Kirschbaum fing auf einmal an und sprach: "Es ist ein rechte Glück, wenn man hübsch aussieht und auch zu etwas gut ist in der Welt! Was habe ich jetzt für feine, weiße Blüten und wenn diese abgefallen sind, dann kommen die frischen, grünen Blätter und zuletzt die prächtigen, roten Kirschen, an denen die kleinen und großen Leute ihr Vergnügen haben. Ach, wie froh bin ich, dass ich nicht so ein einfältiger Tannenbaum geworden bin, wie derjenige hier neben mir, der doch zu nichts auf der Welt gut ist, als um uns den Platz zu versperren!"
"Du hast Recht", rief ein stattlicher Birnbaum, "Dein Nachbar ist mehr als überflüssig im Vergleich zu uns. Von meinen saftigen Birnen will ich noch gar nicht reden, aber welchen prächtigen Schatten gebe ich in der Hitze den lieben Kindern, die sich auf der Bank unter meinem Blätterdache ausruhen. Nicht einmal vor der Sonne vermag der einfältige Tannenbaum zu schützen." "Ja, ja", fing nun ein dicker Apfelbaum an, "mit uns kann sich der arme Tropf freilich nicht messen. Was mich aber am meisten verdrießt, dies ist, dass man die langen Zapfen, welche der Herbstwind von ihm herunterschüttelt und die weder für Mensch, noch Tier genießbar sind, Tannäpfel nennt, als ob sie auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit meinen schmackhaften Früchten hätten; es ist wirklich zu arg!"
Dabei schüttelte der alte Herr sein Haupt so gewaltig, dass dicke Blütenflocken zur Erde fielen und einzelne an den Nadeln des armen Tannenbäumchens hängen blieben.
"Seht, wie er sich jetzt auch noch mit fremden Federn schmückt!" schrie ein naseweiser, junger Pflaumenbaum; "Der Unverschämte, er glaubt, weil er spitze Nadeln habe dürfe er uns allen trotzen!"
Und nun fingen alle Bäume zugleich an, auf die arme Tanne zu schelten, und lobten dabei unaufhörlich ihre eignen Früchte, sowie den Nutzen, den diese brächten. Selbst die Johannis- und Stachelbeerbüsche blieben nicht still und Niemand wollte dem bescheidenen Tannenbäumchen das mindeste Gute zuerkennen.
Drüben über dem Bach war ein Wald voll schöner Buchen und Eichen; auch diese fingen an mitzuspotten und sich hervorzutun. Eine dicke Buche überschrie zuletzt alle und rief: "Wenn wir auch keine so süßen Früchte tragen, wie der liebe Kirschbaum und der vortreffliche Apfelbaum, so sind wir doch gleichfalls von dem allergrößten Nutzen. Im Sommer geben wir kühlen, prächtigen Schatten und im Winter heizen wir die Zimmer ein, wenn es draußen stürmt und schneit, denn wir haben gutes, festes Holz, aber selbst das Holz der hässlichen Tanne ist elendes Zeug, macht schwarz und rußig und gibt keine Wärme. Nebenbei sind unsre kleinen Früchte auch gar nicht zu verachten; die Buchecker glänzen zwar äußerlich nicht durch ihre Schönheit, aber man presst gutes, fettes Öl daraus, in dem man Pfannkuchen und Kräppeln backen kann, die sehr gut zu den gekochten Kirschen und Pflaumen schmecken!"
"Nun, bist Du bald fertig?" fing eine Eiche neben ihr an, "Du tust, als ob Du der erste Baum im Walde wärest. Mich lasse reden. Ich bin die deutsche Eiche und ein poetischer Baum. Wo es irgend ein Fest gibt, macht man aus meinen Blättern Kränze, ich komme in Millionen Gedichten vor und mein Laub wird überall hingestickt, in Gold, Seide und Perlen. Was nun den Nutzen betrifft, so ist der meinige ohne Widerrede der bedeutendste. Mit meinen Eicheln mästet man Schweine und es gibt verständige Leute genug, die essen lieber ein gutes Stück Schweinebraten, als Kirschen und Birnen und wie all das süße, kraftlose Zeug heißt, mit dem Ihr so gewaltig groß tut!" Nachdem die Eiche dies gesprochen hatte, fächelte sie sich mit ihren Zweigen, hob stolz den Wipfel empor und sah sich um, als wolle sie fragen: "Wagt es noch Jemand etwas zu sagen?"
Wahrhaftig, die deutsche Eiche hatte mehr Mut, als gewöhnlich ein deutscher Mensch. - Die anderen Bäume blieben auch ganz still und keiner muckte, bis endlich eine schlanke, grüne Linde sich zu regen begann und leise säuselte: "Ei, ei, Ihr lieben Freunde! am Ende bin ich doch noch die wichtigste von Euch allen, wenn meine Blüten auch sehr klein und unscheinbar und fast nur durch ihren süßen Duft bemerkbar ist. Aber man bereitet guten, lindernden Tee daraus, und haben die kleinen Leute zu viel von dem guten Obst gegessen und davon Leibschneiden bekommen und sind die großen zu lange unter den Buchen und Eichen herumgeschwärmt, so dass sie sich den Schnupfen geholt, dann muss sie dieser gesund machen, damit sie wieder von vorn anfangen können."
Als die kluge Linde schwieg, nickten die anderen Bäume und lachten, denn sie waren der schönen linde alle gut, nur die eiche brummte etwas in sich hinein von "dumm und albern!" aber sonst blieb Alles ruhig.
Das arme Tannenbäumchen hatte die ganze Zeit über zitternd und schweigend dagestanden, doch nun suchte es die allgemeine Stille zu benutzen, um auch ein Wörtchen der Verteidigung zu sagen. Ganz leise und schüchtern fing es an: "Ach, Ihr lieben Bäume, ich weiß wohl, dass Ihr mich als den Schlechtesten von Euch allen betrachtet, aber so ganz nutzlos und überflüssig bin ich doch auch nicht, wenn ich auch weniger schön geschmückt bin, als Ihr. Aus meinem Holze kann man Häuser und Schiffe bauen und mit den Tannenzapfen machen die Leute ihr Feuer an, auch - "
"Ha! ha! ha!" schallt es da aus allen Ecken und Enden, "ha, ha, ha! hört doch das dumme ding! wenn es nur lieber ganz geschwiegen hätte. Mit Hobelspänen kann man Feuer machen, als ob das ein Verdienst wäre. Ha, ha, ha!"
Und die Bäume bogen und neigten sich und wollten sich bald tot lachen und der dicke Apfelbaum verlor noch manche weiße Blüte in seiner großen Lustigkeit. Endlich ging die Sonne unter; die Vögel suchten ihr grünes Quartier auf und wollten ihre Ruhe haben, so wurden die Schwätzer dann stiller und stiller und als der goldne Mond langsam herauf stieg, lag Alles im tiefsten Frieden." Nur ein Baum konnte nicht ruhen und schlafen, das war der Tannenbäumchen. Es war so betrübt, dass es gern bittere Tränen vergossen hätte, wenn es ein Mensch und kein Baum gewesen wäre. Ach, es konnte sich gar nicht zufrieden geben und wünschte sich auch weiche, flatternde Blätter und süße Früchte, damit es Niemand mehr verspotten dürfte. Wie es nun so dastand in seiner Betrübnis, da ward es auf einmal vor ihm ganz helle und licht und wie aus der Erde gewachsen, schwebte auf dem grünen Rasen ein wunderschöner Engel. Der hatte ein langes, schneeweißes Gewand, weiße Flügel an den Schultern, auf dem Kopfe trug er einen Kranz von den schönsten Rosen und darüber hin hing ein langer Schleier, der glänzte wie gesponnenes Silber.
Na, könnt ihr euch wohl denken, wer der schöne Engel gewesen? Natürlich war es Niemand sonst, als unser liebes Christkind, welches Alles mit angehört und angesehen, wie es auch immer sieht, ob ein Kind lieb oder unartig ist. Das arme bescheidne Tannenbäumchen tat ihm in tiefster Seele leid und darum kam es jetzt zu ihm geflogen und sagte mit seiner süßen Stimme: "Tannenbäumchen, was fehlt Dir denn?"
Aber dass Bäumchen konnte nicht antworten, es war zu betrübt und auch zu erschreckt von dem hellen Glanz und Christkindchens Anblick; es schüttelte nur leise den Wipfel, da fuhr Christkindchen fort: "Tannenbäumchen, ich weiß es recht gut, was Dir fehlt; die bösen Bäume hier haben Dich ausgelacht, weil Du nicht so schön bist als sie. Aber warte nur, bald sollst du schöner sein als sie Alle. Wenn der Winter kommt und Schnee und Eis auf der Erde liegt und all die Bäume hier kahl und entlaubt stehen, dann sollst Du süßere und buntere Früchte tragen als Kirschen, Birnen und Äpfel und die Kinder werden sich mehr über Dich freuen und Dich lieber haben, als alle andern Bäume auf der Welt!"
Nachdem das Christkind dies gesagt, war es gerade so schnell wieder verschwunden, als es gekommen und nur der liebe alte Mond warf noch goldne Strahlen auf die stille Welt.
So vergingen Sommer und Herbst, die Bäume hatten nach und nach all ihre Früchte hergegeben und der Winter kam mit raschen Schritten heran. Wohl hatten sie noch manchmal das Tannenbäumchen ausgespottet, aber es machte sich nichts mehr daraus und dachte immer nur an das, was Christkindlein ihm versprochen hatte. Bald war an dem Apfel- und Birnbaum kein Blättchen mehr zu sehen, die Eichen und Buchen streckten ihre nackten Arme zum Himmel empor und froren erbärmlich, aber es half nichts - es war eben Winter und sie mussten sich von dem kalten Nordwind nach allen Seiten hin und her zausen lassen. Unser Tannenbäumchen hielt sich wacker, es blieb so grün und frisch wie im Sommer und wartete in Geduld bis seine Zeit käme.
Auf einmal, in einer langen, dunklen Nacht, da ward es wieder ganz hell und licht und der schöne Engel stand wieder neben dem Bäumchen und sagte: "Ich bin da, um mein Wort zu halten. Nun sollst Du einmal sehen!"
Neben dem Christkind im Schatten stand Nikolaus, der hielt seinen großen Sack mit beiden Händen auseinander und Christkind griff hinein und wieder hinein und überschüttete das Bäumchen mit goldenen Nüssen und Äpfeln, mit köstlichem Zuckerwerk, mit Rosinen und Mandeln, mit funkelnden Perlen und silbernen Sternen, so dass es schöner und bunter glänzte und prangte, als je ein Baum zuvor.
Dann steckte der Nikolaus brennende Kerzchen an die Zweige der Tanne, da leuchtete sie fast so hell wie die Sternlein an dem dunklen Nachthimmel über sie. Wie nun Alles fertig war, klingelte Christkind laut und lange mit seiner silbernen Schelle, dass alle Bäume und Sträucher rings umher aufwachten, sich verwundert umsahen und nicht wussten, woher auf ein mal all der Glanz und die Pracht kam.
"Seht hierher, Ihr Necker und Spötter!" rief nun das Christkind mit lauter Stimme, "der herrlich geschmückte Baum vor euch, das ist das Tannenbäumchen, welches Ihr ausgespottet und gekränkt habt und das nun schöner ist, als je einer von euch gewesen. Jetzt nehme ich es mit mir, wohin Ihr niemals kommt, in warme, geschmückte, helle Stuben und zu fröhlichen Menschen. Alt und Jung wird sich an seinem Anblick erfreuen und die Kinder werden es am liebsten von allen Bäumen haben!" Damit nahm Christkindchen das Bäumchen in die Hand, breitete seine Flügel aus und fort war es, ehe sich die erstaunten Bäume ein wenig von ihrer Verwunderung erholen konnten. Ganz verdutzt blickten sie dem hellen Streifen nach, bis er im Dunkel entschwand und nickten dann verdrossen und kopfschüttelnd wieder ein. Wohin aber Christkind das Tannenbäumchen trug, das brauche ich Euch nicht zu sagen, das wissen alle artigen Kinder, die zu Weihnachten eines von ihm bekommen. Nun esset Ihr zwar gern frische Kirschen und süße Birnen gebratne Äpfel und Pflaumenmus, wenn ich Euch aber jetzt frage, welcher Baum ist Euch der liebste von allen, was werdet Ihr sagen?"
Da riefen Georg und Mathildchen jubelnd und wie aus einem Munde und alle Kinder rufen es mit ihnen: "Das Tannenbäumchen! das Tannenbäumchen!"

Autor: Luise Büchner

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Luise Büchners "Die Geschichte vom Tannenbäumchen" ist weit mehr als eine einfache Weihnachtserzählung. Sie stellt eine kunstvolle Parabel über Geduld, Demut und den verborgenen Wert dar, der oft erst zur rechten Zeit erkannt wird. Im Zentrum steht das Tannenbäumchen als Sinnbild des scheinbar Unscheinbaren und Nutzlosen. Während die anderen Bäume im Garten und Wald mit ihren sichtbaren, unmittelbaren Gaben prahlen – süße Früchte, kühler Schatten, festes Holz –, bleibt die Tanne stumm und bescheiden. Ihre vermeintlichen Mängel, die spitzen Nadeln und die unscheinbaren Zapfen, werden ihr von der arroganten Gesellschaft der anderen Bäume vorgehalten. Diese Szene spiegelt soziale Dynamiken wider, in denen Äußerlichkeiten und unmittelbarer Nutzen überbewertet werden.

Die entscheidende Wende bringt das Christkind als göttlicher oder höherer Richter. Es tritt nicht als strafende Instanz auf, sondern als tröstender und verheißungsvoller Retter. Seine Zusage, das Bäumchen zur rechten Zeit zum Schönsten und Beliebtesten zu machen, ist die zentrale Botschaft: Wahre Bestimmung und Wertschätzung folgen oft ihrem eigenen, geheimen Zeitplan. Die Verwandlung im Winter ist symbolträchtig. Wenn alle anderen Bäume kahl und entblättert dastehen, also in einer Phase der äußersten Schwäche und Hässlichkeit, erstrahlt die immergrüne Tanne in ungeahnter Pracht. Der Schmuck durch das Christkind – Kerzen, Süßigkeiten, glänzender Baumschmuck – ist keine Eigenleistung, sondern eine Gnadengabe. Dies unterstreicht, dass letztlich nicht die eigene Leistung, sondern Güte, Geduld und Bescheidenheit belohnt werden. Die Geschichte erklärt somit auch auf poetische Weise den Ursprung des Weihnachtsbaumes und verankert ihn in einem narrativen Geflecht aus Demut und göttlicher Belohnung.

Biografischer Kontext der Autorin

Luise Büchner (1821–1877) war eine bedeutende deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts. Als Schwester des revolutionären Dramatikers Georg Büchner wuchs sie in einem intellektuell anregenden Umfeld auf, was ihr Schreiben nachhaltig prägte. Anders als viele ihrer Zeitgenossinnen verfasste sie nicht nur Unterhaltungsliteratur, sondern engagierte sich auch publizistisch für die Mädchenbildung und die Verbesserung der sozialen Lage von Frauen. Ihr bekanntestes Werk ist die Schrift "Die Frauen und ihr Beruf" (1855).

Dieser Hintergrund ist für das Verständnis der Geschichte interessant. Büchner kannte das Gefühl, in einer von Männern dominierten Welt als weniger wertvoll oder "nutzlos" betrachtet zu werden, ähnlich wie das Tannenbäumchen im Kreis der prahlenden Obstbäume. Ihre Erzählung kann somit auch als subtile Ermutigung für alle gesellschaftlich Benachteiligten gelesen werden, auf ihren inneren Wert und ihre eigene, vielleicht noch verborgene Bestimmung zu vertrauen. Die Betonung von Bescheidenheit und Geduld entsprach zwar dem bürgerlichen Tugendkanon der Zeit, wird hier aber mit einem befreienden Moment der Verwandlung und Anerkennung verbunden. Dies verleiht der vermeintlich simplen Weihnachtsgeschichte eine bemerkenswerte Tiefe und eine sozialkritische Note.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Erzählung erzeugt eine sehr vielschichtige und sich wandelnde Stimmung. Sie beginnt in einer friedlich-idyllischen Gartenatmosphäre, die fast märchenhaft anmutet. Die Beschreibung der blühenden Bäume im Frühling ist voller Poesie und Farben. Diese heitere Stimmung kippt jedoch schnell in eine bedrückende und beinahe quälende Szene, wenn das Tannenbäumchen von allen Seiten verspottet und gedemütigt wird. Hier herrscht eine Stimmung der Ausgrenzung und Ungerechtigkeit.

Mit dem Erscheinen des Christkinds tritt dann ein magisch-verklärter, tröstlicher Ton in die Geschichte ein. Die nächtliche Szene ist von geheimnisvoller Ruhe und hoffnungsvollem Glanz geprägt. Die abschließende Verwandlung des Bäumchens und seine Erhebung zum Weihnachtsbaum schaffen eine Stimmung des triumphalen Frohlockens und der tiefen Genugtuung. Insgesamt führt die Geschichte den Leser oder Zuhörer also durch ein emotionales Tal der Demütigung hinauf auf einen leuchtenden Gipfel der Freude und Erfüllung, was die weihnachtliche Botschaft der Hoffnung perfekt einfängt.

Emotionale Wirkung der Geschichte

Die Geschichte löst ein ganzes Spektrum an Gefühlen aus. Zunächst empfindet man Mitgefühl und Mitleid mit dem geduldigen, aber traurigen Tannenbäumchen. Die Ungerechtigkeit der Anschuldigungen und der Spott der anderen Bäume können sogar leichte Wut oder Empörung hervorrufen. Diese Gefühle weichen einer tiefen Rührung, wenn das Christkind erscheint und dem gedemütigten Baum Trost spendet. In diesem Moment keimt starke Hoffnung auf.

Die Erfüllung des Versprechens zur Weihnachtszeit löst dann reine Freude und ein Gefühl der Genugtuung aus. Man fiebert mit dem Bäumchen mit und ist am Ende erleichtert und beglückt über seine wunderbare Verwandlung. Gleichzeitig bleibt eine Spur Nachdenklichkeit zurück: über den Umgang mit Schwächeren, über vorschnelle Urteile und darüber, dass jeder seinen verborgenen Wert und seinen besonderen Moment haben kann. Eine warme Nostalgie stellt sich ein, weil die Erzählung direkt mit der eigenen Vorfreude auf den geschmückten Weihnachtsbaum verknüpft ist.

Moral und Werte der Erzählung

Die Geschichte vermittelt eine Fülle von Werten, die sowohl christlich als auch allgemein menschlich fundiert sind. Im Vordergrund stehen:

  • Bescheidenheit und Demut: Das Tannenbäumchen prahlt nicht, obwohl es später am höchsten geehrt wird.
  • Geduld und Vertrauen: Es wartet still, bis "seine Zeit kommt", ein zutiefst christliches Motiv des Hoffens auf Gottes Plan.
  • Nächstenliebe und Trost: Verkörpert durch das Christkind, das sich des Schwachen annimmt.
  • Gerechtigkeit und Wiedergutmachung: Das Unrecht wird nicht bestraft, sondern durch eine überwältigende Belohnung ausgeglichen.
  • Wertschätzung des scheinbar Nutzlosen: Ein Plädoyer dafür, den inneren Wert und verborgene Qualitäten zu erkennen.

Die christliche Botschaft ist deutlich vorhanden, aber sie wird nicht dogmatisch vorgetragen. Das Christkind ist hier weniger das Jesuskind der Krippe, sondern eher ein engelhafter, gütiger Bote, der für Gerechtigkeit und Liebe steht. Die Werte der Geschichte passen perfekt zu Weihnachten, dem Fest der Nächstenliebe, der Hoffnung und der Freude über ein kommendes Licht in der Dunkelheit. Sie verbinden das religiöse Motiv der Menschwerdung Gottes mit dem sehr menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Die Kernkonflikte der Geschichte sind heute genauso relevant wie im 19. Jahrhundert. In einer Leistungsgesellschaft, die oft schnellen, sichtbaren Erfolg und äußere Attraktivität belohnt, fühlen sich viele Menschen wie das Tannenbäumchen: unscheinbar, nicht "nützlich" genug oder in ihren Qualitäten übersehen. Mobbing und Ausgrenzung aufgrund von Andersartigkeit sind leider zeitlose Themen.

Die Erzählung wirft aktuelle Fragen auf: Wie gehen wir mit denen um, die nicht in unsere Vorstellung von Produktivität passen? Können wir Geduld für die Entwicklung anderer (und unserer selbst) aufbringen? Die Botschaft, dass jeder einen einzigartigen Wert und seinen eigenen, richtigen Zeitpunkt hat, ist eine wichtige Gegenbotschaft zum heutigen Optimierungs- und Vergleichswahn. Sie eignet sich hervorragend, um mit Kindern (und Erwachsenen) über Themen wie Mobbing, Toleranz und Selbstwert zu sprechen – und das in einem weihnachtlichen, versöhnlichen Rahmen.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte ist vielseitig einsetzbar. Ihr klassischer Anlass ist natürlich die Advents- und Weihnachtszeit. Sie eignet sich perfekt zum Vorlesen an einem Adventsnachmittag, am Heiligabend vor der Bescherung oder als Teil einer kleinen Familienfeier. Durch ihre Länge und die eingebauten Dialoge ist sie auch ideal für ein kleines, improvisiertes Weihnachtsspiel oder ein Krippenspiel in Kindergarten, Grundschule oder Gemeinde.

Darüber hinaus passt sie zu jedem Anlass, an dem es um die Themen Geduld, Trösten oder den Umgang mit Ausgrenzung geht. Man könnte sie auch in einer gemütlichen Runde bei Kerzenschein vorlesen, unabhängig von Weihnachten, einfach als eine schöne Parabel über Hoffnung und Wertschätzung.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Geschichte ist primär für Kinder im Vor- und Grundschulalter (etwa 4 bis 10 Jahre) konzipiert. Die klare Gut-Böse-Unterscheidung, die personifizierten Bäume und die wunderbare, bildhafte Lösung sind für diese Altersgruppe sehr gut verständlich und ansprechend. Die Sprache ist zwar aus dem 19. Jahrhundert, bleibt aber in dieser Erzählung relativ einfach und wird durch die spannende Handlung getragen.

Auch ältere Kinder und Erwachsene können an der Geschichte Freude haben, besonders wenn man über die tieferen Bedeutungen und die biografischen Hintergründe der Autorin spricht. Sie bietet also Potential für ein gemeinsames Leseerlebnis in der Familie, bei dem verschiedene Generationen unterschiedliche Aspekte schätzen können.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für sehr junge Kinder unter drei oder vier Jahren, da sie recht lang ist und die Handlung mit der Demütigung des Bäumchens für sie möglicherweise zu komplex oder traurig sein könnte. Auch Kinder oder Erwachsene, die sehr action-orientierte, schnelle Geschichten bevorzugen, könnten sich mit der eher ruhigen, beschreibenden und moralisch geprägten Erzählweise langweilen.

Für Leser, die eine explizit theologische oder bibeltreue Weihnachtsgeschichte suchen, ist sie vielleicht nicht die erste Wahl. Das Christkind erscheint hier in einer eher märchenhaften, folkloristischen Rolle. Wer also eine direkte Erzählung von der Geburt Jesu in Bethlehem sucht, wird hier nicht fündig. Dennoch bietet sie einen wunderbaren, symbolischen Zugang zum christlichen Weihnachtsfest jenseits der klassischen Krippengeschichte.

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