Schneeweißchen und Rosenrot

Kategorie: Adventsgeschichten

Schneeweißchen und Rosenrot Lesezeit: ca. 11 Minuten Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: "Wir wollen uns nicht verlassen", so antwortete Rosenrot: "Solange wir leben, nicht", und die Mutter setzte hinzu: "Was das eine hat, soll's mit dem andern teilen." Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten. Kein Unfall traf sie - wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte ihrentwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiß hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weitergegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.

Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so reinlich, daß es eine Freude war hineinzuschauen. Im Sommer besorgte Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: "Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor", und dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buche vor und die beiden Mädchen hörten zu, saßen und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.

Eines Abends, als sie so vertraulich beisammensaßen, klopfte jemand an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach: "Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht." Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Türe hereinstreckte. Rosenrot schrie laut und sprang zurück: das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte: "Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen." "Du armer Bär", sprach die Mutter, "leg dich ans Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt." Dann rief sie: "Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meint's ehrlich." Da kamen sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach: "Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk", und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein; er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich's aber gerne gefallen, nur wenn sie's gar zu arg machten, rief er: "Laßt mich am Leben, ihr Kinder:

"Schneeweißchen, Rosenrot,
schlägst dir den Freier tot."


Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Bär: "Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegenbleiben, so bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt." Sobald der Tag graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell angelangt war.

Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: "Nun muß ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen." "Wo gehst du denn hin, lieber Bär?" fragte Schneeweißchen. "Ich muß in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten: im Winter, wenn die Erde hartgefroren ist, müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten, aber jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht." Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied, und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hinausdrängte, blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf, und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen; aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war bald hinter den Bäumen verschwunden.

Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, verwelkten Gesicht und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie. "Was steht ihr da! Könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?" "Was hast du angefangen, kleines Männchen?" fragte Rosenrot. "Dumme, neugierige Gans", antwortete der Zwerg, "den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!" Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. "Ich will laufen und Leute herbeiholen", sagte Rosenrot. "Wahnsinnige Schafsköpfe", schnarrte der Zwerg, "wer wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?" "Sei nur nicht ungeduldig", sagte Schneeweißchen, "ich will schon Rat schaffen", holte sein Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des Baums steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte vor sich hin: "Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohn's euch der Guckuck!" Damit schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur noch einmal anzusehen.

Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zuhüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. "Wo willst du hin?" sagte Rosenrot, "du willst doch nicht ins Wasser?" "Solch ein Narr bin ich nicht", schrie der Zwerg, "seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen?" Der Kleine hatte dagesessen und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten; als gleich darauf ein großer Fisch anbiß, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen: der Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig, als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein kleiner Teil desselben verlorenging. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: "Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den Meinigen gar nicht sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!" Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort und verschwand hinter einem Stein.

Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahrenließ. Als der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit einer kreischenden Stimme: "Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und läppisches Gesindel, das ihr seid!" Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen, überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, daß die Kinder stehenblieben und sie betrachteten. "Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!" schrie der Zwerg, und sein aschgraues Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf, aber er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: "Lieber Herr Bär, verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet, die schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr an mir kleinen, schmächtigen Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den Zähnen; da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen." Der Bär kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach: "Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen." Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. "Ich bin eines Königs Sohn", sprach er, "und war von dem gottlosen Zwerg, der mir meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine wohlverdiente Strafe empfangen."

Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder, und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seiner Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.

Autor: Brüder Grimm

Ausführliche Interpretation der Geschichte

"Schneeweißchen und Rosenrot" ist weit mehr als eine einfache Erzählung über zwei freundliche Mädchen. Sie ist ein kunstvoll gewobenes Märchen, das archetypische Gegensätze und ihre harmonische Vereinigung thematisiert. Die beiden Schwestern verkörpern komplementäre Prinzipien: Schneeweißchen steht für das Innen, das Häusliche, die Ruhe und den Geist. Rosenrot hingegen repräsentiert das Außen, die Natur, die Tatkraft und das Leben. Zusammen bilden sie eine vollkommene Einheit, was durch ihre unzertrennliche Liebe und das Teilen aller Dinge symbolisiert wird. Diese Harmonie zieht das Gute an – von den zahmen Tieren bis zum schützenden Engel – und wehrt das Böse ab.

Der Bär, der im Winter erscheint, ist ein Symbol für die rohe, aber gute Kraft der Natur, die der Wärme und des Schutzes bedarf. Die Verwandlung vom Bären in den Prinzen offenbart den klassischen Märchenweg der Erlösung durch Liebe und Güte. Der garstige Zwerg hingegen ist das genaue Gegenteil der Mädchen: er ist gierig, egoistisch, undankbar und in seiner materiellen Besessenheit gefangen. Sein Tod durch den Bären ist keine grausame Tat, sondern die poetische Gerechtigkeit des Märchens: Das Böse, das nur auf sich selbst bezogen ist, zerstört sich letztlich selbst. Die Schätze, die er hortete, kommen durch die Güte der Schwestern an ihr rechtmäßiges Ende und belohnen die Tugendhaften.

Biografischer Kontext der Brüder Grimm

Jacob und Wilhelm Grimm sind nicht nur als Sammler von "Kinder- und Hausmärchen" weltberühmt, sondern gelten als Begründer der deutschen Philologie und Germanistik. Ihre Arbeit im frühen 19. Jahrhundert war von dem Geist der Romantik geprägt, die das Volksgut, die Sprache und die nationale Identität erforschen und bewahren wollte. Die Brüder verstanden ihre Sammlung jedoch nicht als reine Unterhaltung, sondern als ein Bildungs- und Erziehungsprojekt. Die Märchen sollten, so ihre Überzeugung, die ursprüngliche Poesie des Volkes und einen natürlichen Sittencodex widerspiegeln.

"Schneeweißchen und Rosenrot" stammt nicht aus mündlicher Überlieferung, sondern wurde von Wilhelm Grimm nach einer Erzählung von Caroline Stahl literarisch ausgeformt und 1837 in die letzte Auflage der Märchensammlung aufgenommen. Dies zeigt die Arbeitsweise der Grimms: Sie waren redigierende und stilistisch verfeinernde Herausgeber, die den Geschichten eine einheitliche, zeitlose Form gaben, ohne ihren vermeintlich volkstümlichen Kern zu zerstören. Die Betonung von Tugenden wie Nächstenliebe, Bescheidenheit und familiärer Bindung in dieser Geschichte entspricht ganz dem bürgerlichen Wertesystem der Grimms und ihrem pädagogischen Anspruch.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Erzählung erzeugt eine grundlegend warme, geborgene und idyllische Stimmung, die von der Kälte und Gefahr der Außenwelt umspielt wird. Das Herzstück ist das saubere, von Herdfeuer erleuchtete Hüttchen, ein Ort absoluter Sicherheit und familiärer Nähe. Diese innere Wärme kontrastiert mit der winterlichen Kälte, dem dunklen Wald und der Bedrohung durch den Zwerg. Die Stimmung ist geprägt von einer tiefen Naturverbundenheit, die sich in den vertrauten Tieren und den personifizierten Rosenbäumchen zeigt. Es herrscht ein fast schon feierlicher Rhythmus zwischen häuslicher Ordnung und den Abenteuern im Wald, zwischen der Stille bei Schneeweißchen und der Lebhaftigkeit bei Rosenrot. Selbst die gefährlichen Begegnungen mit dem Zwerg werden durch den beharrlichen Mut und die Hilfsbereitschaft der Mädchen in eine Atmosphäre der Bewährung und des Gelingens überführt.

Emotionale Wirkung: Welche Gefühle löst die Geschichte aus?

Die Geschichte weckt ein starkes Gefühl der Geborgenheit und Nostalgie. Das Bild der bei der Mutter sitzenden, spinnenden Mädchen, umgeben von den zahmen Tieren, löst Sehnsucht nach einfachem, erfülltem Glück aus. Die selbstverständliche Hilfsbereitschaft der Schwestern, selbst gegenüber dem unfreundlichen Zwerg, führt zu Rührung und bestärkt den Glauben an die Kraft des Guten. Die unerschütterliche Liebe zwischen Schneeweißchen und Rosenrot macht Freude und spendet Trost. Die Erlösung des Prinzen und die Bestrafung des Zwergs sorgen für befriedigende Gerechtigkeitsgefühle und vermitteln Hoffnung. Leichte Spannung entsteht bei den Zwergenbegegnungen, doch sie wird stets durch den tapferen Einsatz der Mädchen aufgelöst. Insgesamt hinterlässt die Lektüre ein wohliges, optimistisches und herzerwärmendes Gefühl.

Moral und Werte: Welche spezifischen Werte vermittelt die Geschichte?

Im Vordergrund stehen eindeutig allgemein menschliche und familiäre Werte, nicht eine explizit christliche Botschaft. Zwar wird der schützende Engel erwähnt, und die Mutter entlässt den Bären "in Gottes Namen", doch der religiöse Überbau ist dezent. Kernwerte sind die geschwisterliche Liebe und Treue ("Was das eine hat, soll's mit dem andern teilen"), uneigennützige Hilfsbereitschaft auch gegenüber Undankbaren, Bescheidenheit, Fleiß und der innige Zusammenhalt der Kleinfamilie. Die Geschichte lehrt, dass äußere Armut durch innere Reichtümer wie Liebe und Güte weit aufgewogen wird. Der Konflikt zwischen der selbstlosen Güte der Mädchen und der selbstsüchtigen Gier des Zwergs stellt einen klaren Wertgegensatz dar. Diese Werte – Nächstenliebe, Familie, Selbstlosigkeit und die Belohnung des Guten – passen perfekt zur weihnachtlichen Botschaft des Teilens, der Barmherzigkeit und des friedvollen Miteinanders, auch ohne direkten Bezug zur Christnacht.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Themen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. In einer oft von Egoismus und Ellenbogenmentalität geprägten Zeit ist die Botschaft der uneigennützigen Hilfsbereitschaft hochrelevant. Die Geschichte wirft die Frage auf, wie wir mit denen umgehen, die uns unfreundlich oder undankbar begegnen – und plädiert für beharrliche Güte. Das starke Bild der Schwesternschaft, der solidarischen Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren, bietet ein modernes Modell für Freundschaft und Zusammenhalt. Auch der Kontrast zwischen einem bescheidenen, naturnahen Leben im Einklang mit der Umwelt und der rücksichtslosen Hortung von Schätzen (verkörpert durch den Zwerg) lässt sich heute gut als Kritik an maßlosem Materialismus lesen. Die Geschichte bleibt zeitgemäß, weil sie fundamentale menschliche Qualitäten feiert, die in jeder Epoche gefragt sind.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte ist ein idealer Begleiter für die besinnliche Zeit im Advent und an Weihnachten selbst. Sie passt perfekt zum gemeinsamen Vorlesen an einem dunklen Winterabend, wenn draußen vielleicht Schnee fällt und drinnen die Lichter des Christbaums leuchten. Durch ihre Betonung von familiärer Geborgenheit und Nächstenliebe eignet sie sich hervorragend für einen gemütlichen Familienabend. Sie kann auch in der Schule oder im Kindergarten im Rahmen einer winterlichen oder märchenhaften Projektwoche eingesetzt werden. Darüber hinaus ist sie eine schöne Geschichte für jedes Fest, bei dem Werte wie Zusammengehörigkeit und Güte im Mittelpunkt stehen sollen, unabhängig von der streng religiösen Weihnachtsbotschaft.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Erzählung eignet sich primär für Kinder im Vor- und Grundschulalter, etwa ab 4 bis 5 Jahren, denen sie in altersgerechter Sprache vorgelesen werden kann. Die klaren Gegensätze (gut/böse, schön/hässlich, warm/kalt), die wiederkehrenden Formeln und die anschaulichen Bilder sprechen diese Altersgruppe direkt an. Für Kinder ab etwa 8 Jahren, die schon selbst lesen können, ist die Originalversion der Brüder Grimm eine bereichernde Lektüre, die den Wortschatz erweitert. Aufgrund ihrer universellen Themen und ihrer emotionalen Tiefe findet die Geschichte aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen Anklang, die die symbolischen Ebenen und die beruhigende, nostalgische Atmosphäre zu schätzen wissen.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Menschen, die actionreiche, komplexe oder düstere Fantasy-Geschichten suchen, könnten mit der gemächlichen, idyllischen Erzählweise und der sehr klaren moralischen Einteilung weniger anfangen können. Auch für sehr kleine Kinder unter 4 Jahren sind die Sätze der Grimm'schen Originalversion möglicherweise noch zu lang und die Begegnungen mit dem schimpfenden Zwerg eventuell etwas beängstigend. Leser, die eine explizit christliche Weihnachtsgeschichte mit direkter Bezugnahme auf die Geburt Jesu erwarten, werden hier nicht fündig, da die religiösen Anklänge nur sehr subtil sind. Wer zudem eine Geschichte mit einer starken, einzelnen Heldin sucht, sollte bedenken, dass hier das Heldinnentum im harmonischen Duo und im familiären Verbund liegt.

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