Roswithas Weihnachtswunsch
Kategorie: Adventsgeschichten
Roswithas Weihnachtswunsch Lesezeit: ca. 4 Minuten Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswitha spazierenging, fragte sie mich: "Vater, magst du gern Ziegen leiden?"
Autor: Otto Ernst
Ich kann eigentlich nicht behaupten, dass ich Ziegen überwältigend reizvoll finde. Ich antwortete also langsam und gedehnt:
"Nun jaaaa - hm - wie man's nimmt - warum nicht?"
"Ich schrecklich gern!" seufzte Roswitha. "So kleine junge Ziegen find' ich reizend!"
Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar Menschen reizend.
Dachte ich, sagte ich natürlich nicht. Damit schien dieses Thema erschöpft.
Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen. Ich hatte es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer Ziege darin. Es war "Heidi" von Johanna Spyri, eine nette Geschichte, wenn nur keine Ziege drin wäre und wenn die nicht noch obendrein "Schneehöppli" hieße. Nun hatte Roswithas Sehnsucht einen Namen: "Schneehöppli", nun saß die Sehnsucht fest.
"Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?"
Sie nahm mein Schweigen für Bejahung." - und wenn ich den Ludwig heirate, denn kauf ich mir 'ne Ziege, und die soll Schneehöppli heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder haben, denn schaff ich uns 'ne Ziege an."
Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges Stückchen vor.
"Wenn ich groß bin, dann kauf ich mir usw." - "Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n ganzen Tag frei habe, dann kauf ich mir usw."
Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, wurde Roswitha nach ihren Wunsch gefragt.
"Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege, aber - "
"Aber Liebling", rief meine Frau, "wie sollen wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muss es doch sein Recht haben! Wo sollen wir es denn unterbringen!"
"Hm", machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, "in der Küche kann sie ja nicht sein?"
"Nein", erklärte meine Frau entschieden, "in der Küche kann sie ja nicht sein!" Dieser Versuchsballon war geplatzt.
"Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns", versicherte meine Frau.
Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging's nicht, das sah Roswitha ein, wenigstens für einige Monate. Unglücklicherweise musste sie dann über den Robinson geraten. Hatte Heidi eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen. Ich bin überzeugt, der arme Schiffbrüchige erschien Roswitha als der beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.
Dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande mit einem großen Garten, und dann musste ein Unglücksbengel aus dem Dorfe Roswitha eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen. -
Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.
"Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab' ja fünf Mark in mein'm Spartopf; darf ich sie mir holen?"
"Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht, können wir in unsern Garten auch gar nicht unterbringen." - Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen...
Aber eines Morgens beim Frühstück begann sie: "Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so 'ne große Bücherkiste, nicht?" "Ja?" "Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und denn ist das 'n Ziegenstall."
Da riss mir die Geduld. "Roswitha", sagte ich ernst, "nun hörst du endlich auf mit deiner Ziege, nun hab ich's satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta!"
Die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt, nein, Roswitha schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.
Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem Nachttischchen einen Brief liegen.
Auf dem Umschlag stand von Roswithas Hand: "An Mami und Papi".
Wir öffneten und lasen gemeinsam:
Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem Geburtztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mami, wenn ich groß bin, schreib ich ganz richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, wenn Mutti mich unterichtet denk ich immer blos an die Ziege.
Tausend Billionen Küsse von eurer Roswitha.
Was soll ich weiter sagen - am nächsten Morgen bewilligten wir die Ziege.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Geschichte
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Otto Ernsts "Roswithas Weihnachtswunsch" ist weit mehr als eine niedliche Tiergeschichte. Sie zeichnet ein feines Porträt kindlicher Beharrlichkeit und der subtilen Macht unschuldiger Sehnsucht. Im Kern geht es um den Konflikt zwischen der pragmatischen, vernunftgeleiteten Erwachsenenwelt und der fantasievollen, zielstrebigen Welt eines Kindes. Roswithas Wunsch nach einer Ziege ist kein kurzfristiger Impuls, sondern ein über Jahre gereifter, immer konkreter werdender Lebensplan. Sie verhandelt ihn strategisch, passt ihre Argumente an (vom Küchenplatz bis zum umgebauten Bücherkisten-Stall) und zeigt dabei eine bemerkenswerte Zielstrebigkeit. Die Eltern hingegen argumentieren mit Logik, Platzmangel und dem Wohl des Tieres – klassische erwachsene Abwehrmechanismen. Die eigentliche Wende bringt nicht ein neues Argument, sondern die emotionale Kapitulation der Eltern angesichts von Roswithas stiller Entsagung und schließlich ihrem herzzerreißenden Brief. Dieser Brief, mit seiner kindlichen Orthographie und den großzügigen Versprechungen ("ich will auch ein guter Mensch werden"), entlarvt alle rationalen Gegenargumente als bedeutungslos. Die Geschichte feiert damit den Triumph der reinen, unbeirrbaren kindlichen Liebe und Sehnsucht über die vernünftige Kalkulation.
Biografischer Kontext des Autors
Otto Ernst, mit bürgerlichem Namen Otto Ernst Schmidt, war ein deutscher Schriftsteller der Jahrhundertwende (1866-1912). Er ist heute vor allem für seine humoristischen und heimatverbundenen Werke bekannt, insbesondere für die "Appelschnut"-Geschichten, die ähnlich wie "Roswithas Weihnachtswunsch" das Familienleben mit warmherzigem Humor und genauer Beobachtungsgabe schildern. Sein Stil ist geprägt von einem liebevollen, manchmal leicht ironischen Blick auf die kleinen Dramen des Alltags, ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten. Die hier vorliegende Geschichte stammt aus diesem Milieu und reflektiert Ernsts Talent, universelle familiäre Konstellationen und Generationenkonflikte in einer zugänglichen, unterhaltsamen Form darzustellen. Sein literaturgeschichtlicher Rang liegt weniger in avantgardistischen Innovationen, sondern in der meisterhaften Ausgestaltung der kleinbürgerlichen Idylle und der psychologisch feinen Zeichnung von Charakteren, besonders Kindern.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine grundlegend warme, heimelige und humorvolle Stimmung, die von einer leisen, anhaltenden Spannung durchzogen ist. Der Leser begleitet Roswithas beharrlichen Kampf mit einem amüsierten Lächeln, das aus der Distanz des Erzählers und der absurden Konsequenz ihres Wunsches resultiert. Gleichzeitig liegt über der Geschichte der sanfte Schleier der Weihnachtszeit, einer Zeit der Wünsche und Wunder. Die Stimmung wandelt sich im Verlauf: von der anfänglichen heiteren Belustigung über die wachsende Verzweiflung der Eltern bis hin zur ergreifenden Rührung beim Lesen des Briefes. Der Schluss, die plötzliche Bewilligung der Ziege, löst diese Spannung in einem Gefühl der Erleichterung und herzlichen Freude auf. Es ist die Stimmung eines kleinen, familiären Weihnachtswunders, das nicht vom Himmel fällt, sondern von einem Kind mit unbeirrbarer Geduld erwirkt wird.
Emotionale Wirkung der Geschichte
Die Geschichte löst ein ganzes Bündel an Gefühlen aus. Zunächst dominiert heiteres Amüsement über Roswithas kreative Ausdauer und die hilflosen Abwehrversuche ihrer Eltern. Darunter mischt sich schnell Rührung angesichts der Unschuld und Tiefe ihres Wunsches. Ihr finaler Brief, mit seinen typisch kindlichen Rechtschreibfehlern und den großen Versprechungen, berührt zutiefst und kann beim Leser ein Gefühl der Nostalgie an die eigene, unbeirrbare Kindheit wecken. Die Reaktion der Eltern – ihr Einlenken in der stillen Nacht – evoziert Wärme und Verständnis. Man fühlt mit beiden Seiten: mit der Sehnsucht des Kindes und der erwachsenen Verantwortung. Letztlich überwiegt ein Gefühl der hoffnungsvollen Freude und der Zufriedenheit, dass die reine Liebe und Beharrlichkeit gesiegt haben. Es ist eine emotionale Reise, die das Herz erwärmt, ohne kitschig zu werden.
Moral und Werte der Geschichte
Im Vordergrund stehen eindeutig allgemein menschliche und familiäre Werte, nicht eine spezifisch christliche Botschaft. Die Geschichte vermittelt, dass echte, aufrichtige Liebe und Sehnsucht manchmal stärker sind als alle praktischen Vernunftgründe. Sie feiert die Beharrlichkeit und die Kraft der kindlichen Unschuld. Ein zentraler Wert ist auch das Zuhören und Ernstnehmen von Kinderwünschen, auch wenn sie den Erwachsenen absurd erscheinen. Die Eltern zeigen am Ende Einfühlungsvermögen und Großzügigkeit. Sie erkennen, dass es hier um mehr geht als um ein Haustier – es geht um ein tiefes emotionales Bedürfnis ihrer Tochter. Diese Werte – Liebe, Familie, Verständnis, die Erfüllung eines Herzenswunsches – passen perfekt zum Geist von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe, der Freude und der Wunder im kleinen, familiären Rahmen. Es ist eine säkulare Weihnachtsbotschaft der Herzensbildung.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die Grundkonstellation ist zeitlos: das Kind mit einem großen, beharrlichen Wunsch gegen die pragmatischen Einwände der Eltern. Heute könnte der Wunsch statt einer Ziege ein bestimmtes Haustier, ein teures Spielzeug oder ein besonderes Hobby sein. Die Geschichte wirft Fragen auf, die heute genauso relevant sind: Wie gehen wir mit den intensiven, langfristigen Leidenschaften unserer Kinder um? Wann ist elterliches "Nein" notwendige Fürsorge, und wann erstickt es eine echte kindliche Passion? In einer Zeit, die oft von Hektik und materiellen Abwägungen geprägt ist, erinnert uns Roswitha an die Macht der unverfälschten Träume. Ihre Strategie, vom "wenn ich groß bin" zum "jetzt sofort", ist ein humorvoller Spiegel für die Ungeduld der modernen Konsumgesellschaft. Die Erzählung bleibt aktuell, weil sie den ewigen Generationendialog und die Magie einfacher, nicht-materieller Glücksvorstellungen einfängt.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte eignet sich in erster Linie wunderbar für die Vorweihnachtszeit und den Heiligabend selbst, als gemeinsame Lektüre in der Familie. Sie passt perfekt zu gemütlichen Adventsnachmittagen bei Kerzenschein. Darüber hinaus ist sie eine ausgezeichnete Wahl für familiäre Erzählstunden oder in einem pädagogischen Kontext, um über Wünsche, Geduld und Tierhaltung zu sprechen. Auch für literarische Adventskalender oder als Beitrag in einem Weihnachtsprogramm von Schulen oder Kindergärten ist sie ideal. Ihr Charme entfaltet sich besonders, wenn sie laut vorgelesen wird, da der Dialog und der Brief dann ihre volle Wirkung entfalten.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte besitzt einen breiten Altersreiz. Als Vorlesegeschichte ist sie bereits für Kinder ab etwa 5 oder 6 Jahren gut verständlich und unterhaltsam, da sie aus der Lebenswelt des Kindes schöpft. Kinder im Grundschulalter (6-10 Jahre) können Roswithas Gefühle besonders gut nachvollziehen und genießen den Triumph am Ende. Für Jugendliche und Erwachsene bietet sie einen anderen, nostalgischen oder ironisch-reflektierten Zugang. Die humorvolle Erzählperspektive des Vaters und die subtile Charakterzeichnung sprechen besonders erwachsene Leser an, die sich vielleicht in der Rolle der Eltern wiedererkennen. Sie ist also eine echte Familengeschichte für alle Generationen.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser, die eine actionreiche, spannungsgeladene oder explizit religiöse Weihnachtserzählung suchen. Wer nach dramatischen Plots, übernatürlichen Weihnachtswundern oder einer direkten Christus-Botschaft sucht, wird hier nicht fündig. Auch für sehr kleine Kinder unter 4 Jahren ist die Textlänge und die nuancereiche Handlung möglicherweise noch nicht geeignet. Menschen, die mit Tierhaltung in städtischen Gebieten absolut keine Sympathie verbinden und die elterlichen Argumente vollends teilen, könnten den Charme der Geschichte vielleicht nicht in Gänze nachvollziehen. Sie ist ein ruhiges, charakter- und dialoglastiges Stück, das seinen Reiz aus der Beobachtung und der zwischenmenschlichen Dynamik bezieht.