Der kleine Tannenbaum
Kategorie: Adventsgeschichten
Der kleine Tannenbaum Lesezeit: ca. 5 Minuten Es war einmal ein kleiner Tannenbaum im tiefen Tannenwalde, der wollte so gerne ein Weihnachtsbaum sein. Aber das ist gar nicht so leicht, als man das meistens in der Tannengesellschaft annimmt, denn der Heilige Nikolaus ist in der Beziehung sehr streng und erlaubt nur den Tannen als Weihnachtsbaum in Dorf und Stadt zu spazieren, die dafür ganz ordnungsmäßig in seinem Buch aufgeschrieben sind. Das Buch ist ganz erschrecklich groß und dick, so wie sich das für einen guten alten Heiligen geziemt. Und damit geht er im Walde herum in den klaren kalten Winternächten und sagt es allen den Tannen, die zum Weihnachtsfeste bestimmt sind. Dann erschauern die Tannen, die zur Weihnacht erwählt sind, vor Freude und neigen sich dankend. Dazu leuchtet des Heiligen Heiligenschein und das ist sehr schön und sehr feierlich.
Autor: Manfred Kyber
Und der kleine Tannenbaum im tiefen Tannenwalde, der wollte so gerne ein Weihnachtsbaum sein. Aber manches Jahr schon ist der Heilige Nikolaus in den klaren kalten Winternächten an dem kleinen Tannenbaum vorbeigegangen und hat wohl ernst und geschäftig in sein erschrecklich großes Buch geguckt, aber auch nichts und gar nichts dazu gesagt. Der arme kleine Tannenbaum war eben nicht ordnungsmäßig vermerkt – und da ist er sehr, sehr traurig geworden und hat ganz schrecklich geweint, so dass es ordentlich tropfte von allen Zweigen.
Wenn jemand so weint, dass es tropft, so hört man das natürlich, und diesmal hörte das ein kleiner Wicht, der ein grünes Moosröcklein trug, einen grauen Bart und eine feuerrote Nase hatte und in einem dunklen Erdloch wohnte. Das Männchen aß Haselnüsse, am liebsten hohle, und las Bücher, am liebsten dicke, und war ein ganz boshaftes kleines Geschöpf.
Aber den Tannenbaum mochte es gerne leiden, weil es oft von ihm ein paar grüne Nadeln geschenkt bekam für sein gläsernes Pfeifchen, aus dem es immer blaue ringelnde Rauchwolken in die goldene Sonne blies – und darum ist der Wicht auch gleich herausgekommen, als er den Tannenbaum so jämmerlich weinen hörte und hat gefragt: "Warum weinst du denn so erschrecklich, dass es tropft?"
Da hörte der kleine Tannenbaum etwas auf zu tropfen und erzählte dem Männchen sein Herzeleid. Der Wicht wurde ganz ernst und seine glühende Nase glühte so sehr, dass man befürchten konnte, das Moosröcklein finge Feuer, aber es war ja nur die Begeisterung und das ist nicht gefährlich. Der Wichtelmann war also begeistert davon, dass der kleine Tannenbaum im tiefen Tannenwalde so gerne ein Weihnachtsbaum sein wollte, und sagte bedächtig, indem er sich aufrichtete und ein paarmal bedeutsam schluckte:
"Mein lieber kleiner Tannenbaum, es ist zwar unmöglich, dir zu helfen, aber ich bin eben ich und mir ist es vielleicht doch nicht unmöglich, dir zu helfen. Ich bin nämlich mit einigen Wachslichtern, darunter mit einem ganz bunten, befreundet, und die will ich bitten zu dir zu kommen. Auch kenne ich ein großes Pfefferkuchenherz, das allerdings nur flüchtig – aber jedenfalls will ich sehen, was sich machen lässt. Vor allen aber – weine nicht mehr so erschrecklich, dass es tropft." Damit nahm der kleine Wicht einen Eiszapfen in die Hand als Spazierstock und wanderte los durch den tief verschneiten Wald, der fernen Stadt zu.
Es dauerte sehr, sehr lange, und am Himmel schauten schon die ersten Sterne der heiligen Nacht durchs winterliche Dämmergrau auf die Erde hinab und der kleine Tannenbaum war schon wieder ganz traurig geworden und dachte, dass er nun doch wieder kein Weihnachtsbaum würde.
Aber da kam's auch schon ganz eilig und aufgeregt durch den Schnee gestapft, eine ganze kleine Gesellschaft: der Wicht mit dem Eiszapfen in der Hand und hinter ihm sieben Lichtlein – und auch eine Zündholzschachtel war dabei, auf der sogar was draufgedruckt war und die so kurze Beinchen hatte, dass sie nur mühsam durch den Schnee wackeln konnte. Wie sie nun alle vor dem kleinen Tannenbaum standen, da räusperte sich der kleine Wicht im Moosröcklein vernehmlich, schluckte ein paarmal ganz bedeutsam und sagte:
"Ich bin eben ich – und darum sind auch alle meine Bekannten mitgekommen. Es sind sieben Lichtlein aus allervornehmsten Wachs, darunter sogar ein buntes, und auch die Zündholzschachtel ist aus einer ganz besonders guten Familie, denn sie zündet nur an der braunen Reibfläche. Und jetzt wirst du also ein Weihnachtsbaum werden. Aber was das große Pfefferkuchenherz betrifft, das ich nur flüchtig kenne, so hat es auch versprochen zu kommen, es wollte sich nur noch ein Paar warme Filzschuhe kaufen, weil es gar so kalt ist draußen im Walde.
Eine Bedingung hat es freilich gemacht: Es muss gegessen werden, denn das müssen alle Pfefferkuchenherzen, das ist nun mal so. Ich habe schon einen Dachs benachrichtigt, den ich sehr gut kenne und dem ich einmal in einer Familienangelegenheit einen guten Rat gegeben habe. Er liegt jetzt im Winterschlaf, doch versprach er, als ich ihn weckte, das Pfefferkuchenherz zu verspeisen. Hoffentlich verschläft er's nicht!"
Als das Männchen das alles gesagt hatte, räusperte es sich wieder vernehmlich und schluckte ein paarmal gar bedeutsam und dann verschwand es im Erdloch. Die Lichtlein aber sprangen auf den kleinen Tannenbaum hinauf und die Zündholzschachtel, die aus so guter Familie war, zog sich ein Zündholz nach dem anderen aus dem Magen, strich es an der braunen Reibfläche und steckte alle die Lichtlein der Reihe nach an. Und wie die Lichtlein brannten und leuchteten im tief verschneiten Walde, da ist auch noch keuchend und atemlos vom eiligen Laufen das Pfefferkuchenherz angekommen und hängte sich sehr freundlich und verbindlich mitten in den grünen Tannenbaum, trotzdem es nun doch die warmen Filzschuhe unterwegs verloren hatte und arg erkältet war.
Der kleine Tannenbaum aber, der so gerne ein Weihnachtsbaum sein wollte, de wusste gar nicht, wie ihm geschah, dass er nun doch ein Weihnachtsbaum war.
Am anderen Morgen aber ist der Dachs aus seiner Höhle gekrochen, um sich das Pfefferkuchenherz zu holen. Und wie er ankam, da hatten es die kleinen Englein schon gegessen, die ja in der heiligen Nacht auf die Erde dürfen und die so gerne die Pfefferkuchenherzen speisen. Da ist der Dachs sehr böse geworden und hat sich bitter beklagt und ganz furchtbar auf den kleinen Tannenbaum geschimpft.
Dem aber war das ganz einerlei, denn wer einmal in seinem Leben seine heilige Weihnacht gefeiert hat, den stört auch der frechste Frechdachs nicht mehr.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Erzählung
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sie sich?
- Für wen eignet sie sich weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Manfred Kybers "Der kleine Tannenbaum" ist weit mehr als nur eine niedliche Weihnachtserzählung. Auf einer tieferen Ebene handelt sie von Sehnsucht, Selbstwirksamkeit und der Kraft einer inklusiven Gemeinschaft. Der kleine Baum sehnt sich nach einer höheren Bestimmung, die ihm durch eine offizielle, fast bürokratische Instanz (den Heiligen Nikolaus mit seinem strengen Buch) verwehrt bleibt. Dies kann als Metapher für das Gefühl verstanden werden, nicht den offiziellen Erwartungen oder Normen zu entsprechen und daher von bedeutenden Ereignissen ausgeschlossen zu sein.
Die Rettung kommt nicht von der etablierten Autorität, sondern von der Seite: Ein scheinbar unbedeutender, "boshafter" Wichtel organisiert mit seinen eigenwilligen Bekannten – den Wachslichtern, der Zündholzschachtel aus guter Familie und dem erkälteten Pfefferkuchenherz – eine alternative Weihnachtsfeier. Diese Szene feiert die Kraft der kleinen Leute, der Außenseiter und der unkonventionellen Freundschaft. Sie zeigt, dass wahre Erfüllung und Heiligkeit nicht immer von oben verordnet werden müssen, sondern aus dem eigenen, oft chaotischen und liebevollen Engagement einer Gemeinschaft erwachsen können. Das Ende, in dem die Englein das Pfefferkuchenherz essen und der Dachs leer ausgeht, unterstreicht dies noch: Die eigentliche, wahre Weihnacht hat bereits im Verborgenen stattgefunden, und der spießige Ärger danach kann diese Erfahrung nicht mehr schmälern.
Biografischer Kontext des Autors
Manfred Kyber (1880-1933) war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem für seine Tier- und Naturmärchen sowie seine esoterischen und anthroposophischen Schriften bekannt ist. Er war ein früher und engagierter Tierschützer, der Tiere als beseelte Wesen mit eigener Würde sah. Dieser tiefe Respekt vor allem Lebendigen, auch vor den scheinbar kleinsten und unscheinbarsten Geschöpfen, prägt sein gesamtes Werk und ist auch in "Der kleine Tannenbaum" deutlich spürbar.
Die Geschichte atmet den Geist seiner Weltanschauung: Der Wichtel, die Lichtlein, das Pfefferkuchenherz – alle sind eigenständige, fühlende Charaktere. Kyber vermenschlicht sie nicht einfach, sondern würdigt sie in ihrer eigenen Wesenheit. Seine Kritik an starren Hierarchien (symbolisiert durch den strengen Nikolaus) und seine Hinwendung zu einer ganzheitlichen, empathischen Sicht auf die Welt machen diese Erzählung zu einem typischen und wertvollen Beispiel seines literarischen Schaffens, das heute eine Renaissance im Bereich der ökologisch und spirituell sensiblen Literatur erlebt.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine ganz besondere, vielschichtige Stimmung. Sie beginnt mit einer leisen Melancholie und der Kälte der Winternacht, durchzogen von der herben Enttäuschung des Bäumchens. Diese Stimmung wandelt sich jedoch, als der Wichtel erscheint, in eine warme, geheimnisvolle und leicht skurrile Atmosphäre. Die Beschreibungen des Männchens mit der feuerroten Nase, der eilig stapfenden Gesellschaft und des keuchenden Pfefferkuchenherzes sind von einem liebevollen Humor getragen.
Der Höhepunkt, das Entzünden der Lichter im dunklen, verschneiten Wald, ist von einer intimen, fast andächtigen Feierlichkeit. Es ist keine laute, prunkvolle Weihnachtsstimmung, sondern eine stille, wundersame und sehr persönliche. Die abschließende Episode mit dem Dachs bringt noch eine komische Note der Alltäglichkeit hinein, die die zuvor erlebte Magie jedoch nicht zerstört, sondern sie nur umso kostbarer erscheinen lässt.
Emotionale Wirkung der Geschichte
Beim Lesen durchlaufen wir ein ganzes Spektrum an Gefühlen. Zunächst empfinden wir Mitgefühl und Rührung für den kleinen Tannenbaum in seiner wiederkehrenden Enttäuschung. Die Beschreibung seines Weinens, "dass es ordentlich tropfte", berührt unmittelbar. Dann löst die Initiative des eigenwilligen Wichtels Hoffnung und freudige Erwartung aus.
Die Versammlung der ungewöhnlichen Helfer erzeugt ein Gefühl der Zugehörigkeit und Wärme. Wenn die Lichter schließlich angezündet werden, stellt sich ein tiefes Gefühl der Erfüllung und des friedvollen Glücks ein. Die Geschichte vermittelt die Botschaft, dass sich Sehnsüchte erfüllen können, wenn auch oft auf unerwarteten Wegen. Die abschließende Gelassenheit des Bäumchens gegenüber dem schimpfenden Dachs hinterlässt beim Leser ein Gefühl der Zuversicht und inneren Stärke.
Moral und Werte der Erzählung
Im Vordergrund stehen weniger explizit christliche Dogmen, sondern universelle, menschliche Werte. Die zentralen Botschaften sind:
- Inklusion und Mitgefühl: Der Wichtel hilft dem Ausgeschlossenen, ohne auf offizielle Erlaubnis zu warten.
- Die Kraft der Gemeinschaft: Die Erfüllung des Traums gelingt nur durch das Zusammenwirken vieler unterschiedlicher Wesen, jedes bringt seine besondere Gabe ein.
- Wertschätzung des Kleinen und Unscheinbaren: Der Held ist ein "boshaftes" Wichtelmännchen, die Helfer sind gewöhnliche Gegenstände. Kyber zeigt, dass in allem Magie und Potenzial steckt.
- Beharrlichkeit und Hoffnung: Trotz jahrelanger Enttäuschung gibt der Tannenbaum seinen Traum nicht auf.
- Die Definition von Heiligkeit: Wahre Weihnacht entsteht nicht durch bürokratische Auswahl, sondern durch liebevolles Handeln und geteiltes Glück im kleinen Kreis.
Diese Werte passen perfekt zum Geist von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe, der Hoffnung und des Wunders im Verborgenen.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Die Geschichte ist in hohem Maße zeitgemäß und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für unsere heutige Welt. Sie spricht aktuelle Themen wie Ausgrenzung und das Infragestellen starrer Systeme an. Der kleine Tannenbaum, der nicht in das offizielle Register passt, steht für all jene, die sich von gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen übergangen fühlen.
Die Lösung durch eine solidarische, bunte Gemeinschaft von Außenseitern ist ein starkes Bild für Empowerment und Selbstorganisation. In einer Zeit, die oft von Vereinzelung und Leistungsdruck geprägt ist, erinnert Kyber an die Kraft der kleinen, nachbarschaftlichen Gesten und daran, dass wahre Erfüllung oft abseits der ausgetretenen Pfade und offiziellen Anerkennung zu finden ist. Die ökologische Sensibilität, die allen Geschöpfen eine Seele zuspricht, trifft zudem den heutigen Diskurs über einen respektvollen Umgang mit der Natur.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich wunderbar für eine ruhige, besinnliche Vorlesestunde in der Advents- oder Weihnachtszeit, idealerweise am Heiligabend oder an einem der Adventssonntage. Sie passt perfekt in ein familiäres oder freundschaftliches Setting, wo man es sich gemütlich macht. Aufgrund ihrer tiefgründigen Botschaft ist sie auch ein ausgezeichneter Impuls für Kindergottesdienste, Schulfeiern oder pädagogische Projekte zum Thema "Jeder gehört dazu" oder "Weihnachten anders denken".
Da sie nicht explizit das Christkind oder die Geburt Jesu thematisiert, ist sie auch für interkulturelle oder interkonfessionelle Feiern gut geeignet, die den Geist der Nächstenliebe und der Wünsche in den Mittelpunkt stellen wollen.
Für welche Altersgruppe eignet sie sich?
Die Erzählung ist ein klassisches Werk für Kinder ab etwa 5 bis 6 Jahren, die der Handlung bereits gut folgen können und sich in die Gefühle des Bäumchens hineinversetzen können. Die lebendigen Bilder und die skurrilen Figuren faszinieren sie. Gleichzeitig ist die Geschichte durch ihre metaphorische Tiefe und ihren feinen Humor auch für Erwachsene und Jugendliche ein großer Genuss. Sie bietet für jede Altersstufe eine andere Ebene des Verstehens und Genießens, was sie zu einem echten Klassiker für die ganze Familie macht.
Für wen eignet sie sich weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine aktionreiche, schnelle und konventionelle Weihnachtserzählung mit Santa Claus und Geschenkeflut erwarten. Wer nach einer dogmatisch-christlichen Weihnachtsbotschaft sucht, wird hier nicht primär fündig. Auch für sehr junge Kinder unter 4 Jahren könnte die Handlung mit ihren vielen Figuren und der leicht melancholischen Einleitung noch zu komplex und die Textlänge zu anspruchsvoll sein. Menschen, die keine Freude an poetischer Sprache und feinsinniger Personifikation haben, könnten den Charme der Geschichte möglicherweise nicht vollständig erfassen.