Die heilige Weihnachtszeit
Kategorie: Adventsgeschichten
Die heilige Weihnachtszeit Lesezeit: ca. 15 Minuten Wenn der Städter über Feiertage etwas Sicheres wissen will, so muss er sich bei den Bauern anfragen. Der städtische Arbeiter genießt den Feiertag, ohne viel darüber nachzugrübeln; der Bauer, der sonst nicht gerade gewohnt ist, den Grund und Zweck der Dinge zu erfassen, will jedoch wissen, warum er rastet, in die Kirche geht oder sich einen Rausch antrinkt. Er hat seine Feiertagswissenschaft und seine Feiertagsstimmung.
Autor: Peter Rosegger
Ich will von mir nicht reden, sagt man, wenn man von sich selbst zu reden beginnt. Allein um das zu sagen: Ich war, so lange mich die Bauernfeiertage noch etwas angingen, ein gar radikaler Patron. Mir waren der Kirchenkalender und darin die einzelnen Feste chronologisch zu sehr verschoben. Ich wollte, dass das kirchliche Jahr und das Sonnenjahr gleichen Schritt halten sollten, wie sich's auch gehört, wenn Himmel und Heiland mit einander harmonieren wollen. Da die Sonne nun aber einmal nicht nachgibt, so sollte die Kirche nachgeben. Sie hätte, wie ich einmal gelesen, ihre größten Feste ohnehin auf willkürliche Tage gesetzt. Und wenn am 22. Dezember, als an dem Tage, da die so tief gesunkene Sonne ihre Umkehr hält, schon der Advent nicht beginnen will, so hätte ich es mindestens gern gesehen, dass am selben Datum der Christtag gewesen wäre. Daran hätte sich ohne Einschub schicksam gereicht alle Feste, die sich auf die Kindheit Jesu beziehen, als das Fest der Beschneidung, der Opferung, der Heiligen drei Könige, der Unschuldigen Kinder u. s. w. so dass wir mit den Weihnachtsfeiertagen bequem vor dem Fasching fertig geworden wären. Nach derselben Fortsetzung aller weiteren Feste, mit denen man bis Ende Juni zu Rande gekommen sein würde. Die zweite Hälfte des Jahres könnte den Heiligenfesten gewidmet werden, und das durcheinander wäre einmal nicht Not! - Und die Richtigschiebung der Zeit könnte auf die einfachste Weise bewerkstelligt werden, wenn man vierzig Jahre lang den Schalttag aus dem Spiele ließe. Durch das zehnmalige Wegfallen des Schalttages wäre das bürgerliche Jahr um zehn Tage verrückt und fiele mit dem Sonnenjahr zusammen. - Ich habe diese Reformpläne auch richtig einmal meinem Beichtvater, dem guten alten Pfarrer Johann Plesch in Kathrein am Hauenstein, vorgelegt; dieser meinte, wie er die Gelehrten und auch die Katholische Kirche kenne, würden sie auf eine solche Änderung nicht eingehen wollen. Es hätten die Franzosen einmal bei einer großen Revolution mit Feuer und Schwert die Sonn - und Feiertage verlegt, wäre doch aber schließlich die heilige Kirche mit ihrem alten Brauch Herr geblieben. So sollte ich als einfältiger Bauernbub von solchen Sachen hübsch still sein.
Sonach beschäftigte ich mich heute mit dem, wie es ist, und nicht mit dem, wie es sein sollte.
Die Weihnachtszeit hebt - wie die Weltgeschichte überhaupt - mit Adam und Eva an. Diese unsere lieben Eltern haben dem Kalender nach am 24. Dezember ihren Namenstag. Daher könnten schlechte Christen die Weihnachtsgeschenke auch so auslegen, als ob am Tage ihrer ersten Eltern, als am Erinnerungstage ihres eigenen Entstehens, die Menschheit mit Liebesgaben sich selber gratulierten. Weil ihr in der Tat zu gratulieren wäre, wenn sie sich täglich so benähme, wie am Weihnachtsabende.
Die eigentliche Weihnachtsvorahnung beginnt mit dem "Nikolo" und vollends mit der Thomasnacht, die Christnacht und die Silvesternacht sind die Nächte der fragenden Jungfrauen. In der Thomasnacht werfen sie ihre Schuhe nach der Kammertür; bleiben die Schuhe so liegen, dass die Spitzen in die Kammer weisen, so kommt im nächsten Jahr ein Bräutigam; stehen die Schuhspitzen gegen die Tür, so kann auch einer kommen, geht aber wieder fort. In der Christnacht tragen die Jungfrauen vom Holzgelass einen Arm voll Scheiter ins Haus; sind die Scheiter paarweise, heißt das: in gerader Zahl, so wird im nächsten Jahr geheiratet. In der Neujahrsnacht endlich soll beim Bleigießen ein Figürlein die Hoffnung bestätigen. Das liebe Dirndl im Hochreithhofe! die Schuhe versprachen ihn, die Scheiter versprachen ihn und das Blei ließ die günstige Auslegung zu. Er kam, sie saß ihm auf und - blieb sitzen. Jetzt weiß man nicht, sind die Männer nichts nutz, oder die Gebräuche!
Das heilige Schauern, das am Christabend durch die Welt geht, empfindet auch der Bauer. Auch ihm wird warm. Ist's doch als ob an diesem Tage die Naturgesetze andere geworden wären. Fast bangt man um das Gleichgewicht der Welt, da so plötzlich alles Freude ist und überall die Charitas herrscht.
Zum Glück ist der Tag bald vorüber, dem großen Feste ducken sich St. Stefan und Johannes an; der erstere will als Erzmärtyrer an der Weihnachtsfeier Anteil haben, der letztere beruft sich auf seine besondere Freundschaft mit dem Heiland; der erstere macht sich bei den Bauern durch sein Stefaniewasser wichtig, der letztere weiß sich mit dem Johanneswein einzuschmeicheln - aber zu dem eigentlichen Weihnachtsgefolge gehört keiner von beiden. Erst der Unschuldige - Kindertag ist wieder echt; er bringt in den süßen Weihnachtsfrieden die schreckbare Kunde von dem Kindermassenmord des Herodes. Das Volk feiert dieses Gedächtnis durch Rutenstreiche, mit denen eins das Andere am Morgen des achtundzwanzigsten Tages im Dezember unter den Worten: "Frisch und gesund!" aus dem Bette peitscht.
Nach den unschuldigen Kindern kommt ein heiliger Thomas, geborener Londoner, ein Bischof zu Kandelberg, der sich so wacker und unbiegsam den Staatsgesetzen seines Vaterlandes widersetzt hatte, das ihn die Kirche heilig gesprochen. Unsere Bauern nenne den Mann "Thoma Windfeier" und sagen, wenn sie an diesem Tage nicht arbeiten, so werden sie im kommenden Jahre von kalten Winden und Stürmen verschont bleiben. Sie machen daraus den fünften Weihnachtsfeiertag.
Als sechster folgt einer aus dem alten Testament - ein berühmter Poet und Saitenspieler - der liebenswürdige König David. Der alte Herr hat in der Tat auch ein Recht, Weihnachtsbesuch zu machen bei dem Kinde, das ja seinem - dem Geschlechte Davids entstammt.
Heiligen - Legenden und antisemitische Kalender ignorieren den Alten und protegieren an diesem Tage die heilige Witwe Melania. Von dieser Witwe steht's in der Hauspostille des Bauers gar schon zu lesen: sie war eine reiche Römerin, aus Liebe zu Gott etwas störrig gegen ihren Mann, bis sie dann beide ins Kloster gingen, wo der Gatte bald starb, Melania sich jedoch den göttlichen Wissenschaften hingab und mit großer Beredsamkeit der Frauen gegen die Irrlehren kämpfte. Vor so einer muss der jüdische Harfenist freilich zurück stehen.
Endlich ist Silvester da. Dieser Mann war bekanntlich römischer Papst; er hatte stark mit den Juden zu kämpfen. Ich erinnere mich an ein Geschichtlein. Eines Tages brachten die Juden einen wilden Ochsen zu ihm und sagten: der Name ihres Gottes sei so groß und schrecklich, dass, wenn sie selben dem Ochsen ins Ohr sagten das Tier auf der Stelle tot zusammen stürzen müsse. Der Papst ließ es auf eine Probe ankommen, und in der Tat, der Ochse fiel bei der Nennung des Judengottes um und war tot. Nun sagte der Papst Silvester: "Wenn der Name eures Gottes so schrecklich ist, ein Tier zu töten, so ist der Name des meinen so mächtig, es wieder zum Leben zu erwecken." Er rief das Wort aus - und das Tier wurde wieder lebendig.
Indes hat Silvester seine große Berühmtheit weniger dieser Auferweckung zu danken, als dem Umstand, dass er der Schlusswart des Jahres geworden ist. Das ist aber beziehungsweise seit kurzer Zeit; erst im Jahre 1583, also vor dreihundert Jahren, hat der gregorianische Kalender im katholischen Deutschland Eingang gefunden, wonach Silvester als Torschließer angestellt wurde und als solcher mancherlei Gratifikation bezieht.
Das Neujahrsfest ist der achte in der Reihe der Weihnachtsfeiertage. an diesem Tage schiebt der Bauer seinem Vaterunser folgenden Satz an: "Wölln Gott bittn um a glückseliges neus Jahr; und dass er's verflossni Johr glückseli g'schenkt hot, donksogn!" Der Kracher Martin auf der Niederlenthen ist so gottergeben zufrieden, dass er als ihm in einem Jahr ein reicher Oheim, zwei Weiber und eine Schwiegermutter starben, in dem Satz des darauf folgenden Neujahrsgebetes: "s verflossni Johr glückseli g'schenkt hot, donksogn' nicht eine Silbe änderte.
Nun kommen vier Werktage, die aber, weil sie noch in der Weihnachtszeit liegen, eine gewisse Ausnahmestellung genießen; es soll in denselben weder gedroschen noch gesponnen werden. Der Abend des 5. Jänner gebärdet sich als ob mit ihm das hohe Fest von neuem beginnen wollte. Wie am Christ - und am Silvesterabend, so geht der Bauer mit dem Weihrauchgefäß und dem Sprengwedel durch Haus und Hof; nur der Unterschied, dass er diesmal mit der Kreide an jede Tür und jedes Tor drei Kreuze zeichnet, und auf die Türstirne seiner Stube oder den Trambaum folgende Zeichen malt: C + M + B +. Mancher, der's leider selber nicht kann, entlehnt sich irgendwo einen Schriftgelehrten, der ihm die "heiligen drei Könige" aufschreibt.
Mich ließ einst für diese Geschäft unsere Nachbarin, die alte Riegelbergerin, holen; nun war im Hause ein Stück Kreide von der Größe einer Erbse, so dass ich es kaum zwischen den Fingern zu halten vermochte. Das C und das M gelangen mit Mühe, dann sprang das weiße Körnchen plötzlich ab, verkollerte sich auf dem Fletz und war nicht mehr zu finden. Was jetzt? Ich zeichnete das B mit einem Stück Holzkohle. die Riegelbergerin erschrak, denn gerade als Schutz gegen den "Schwarzen" hatte sie sich die heiligen Zeichen machen lassen. fragte ich denn ob sie diese Sache je mit besserem Schick und Sinn ausgeführt gesehen? Ob sie nie etwas davon gehört, von den heiligen drei Königen der eine der Balthasar, ein Mohr gewesen?
Der Ausspruch hat mir ein Stück Kletzenbrot eingetragen; was weiter war, weiß ich nicht mehr.
Wenn ihr brave Kinder wäret meine lieben Leser, ich würde euch viel Anmutiges erzählen von den heiligen drei Königen. Es sollen, sagt eine Auslegung, nicht sowohl Könige als Weise gewesen sein, aber man hat erwogen, dass man vor dem Volke mit goldschimmernden Königen mehr Ehre einlegt, als mit Weisen. Der Prophet Balaam hatte einst gesagt: Es wird aus dem Reiche Jakobs ein Stern aufgehen, und der wird einen mächtigen König bedeuten über Juden und Heiden. Hierauf stellten die Heiden Wächter auf einen Berg, den Stern zu erspähen, und diese wachten anderthalb tausend Jahre. Aber in einer Nacht, da von der Wüste der warme Hauch heranwehte und aus der Ferne das Meer rauschte, schliefen sie ein. Da ging der Stern auf. Das kündeten sie den Ländern. Und hierauf machten sich drei Könige auf den Weg, den Stern zu suchen. Es war nächtig und der Stern zuckte vor ihnen über den Erdeboden dahin, und weil sie Weise waren, so gingen sie dem neuen, unbekannten Lichte nach, Tage und Tage lang; es gesellten sich ihnen auch andere Könige und Herren bei mit großem Gefolge, bis sie in die Stadt Jerusalem kamen. In dieser Stadt sprachen sie beim Herodes vor, fragend, wo der große König sei, auf den der Stern deute? Der Judenkönig heehrte die Gäste mit Pomp und antwortete: der große König sei er selber und einen andern kenne er nicht in diesem Lande. Sie möchten aber suchen, fänden sie einen, der größer wäre als er, so sollten sie es ihn wissen lassen, dann sei er der erste, der sich neige. - Sie wanderten weiter. Der Stern glühte über die Auen dahin und stand still über einem Dache, das eine reisende Handwerksfamilie barg. Und ein Kindlein war da in der größten Armut und Bedürfnislosigkeit, und hatte helle, freundliche Augen. Die Könige, da sie müde waren und nicht mehr hoffen konnten, den Gesuchten zu finden, legten ihre besten Gaben dem Kinde hin. Aber die armen Leute sagten: "Wozu brauchen wir euer Gold, euren Weihrauch, Eure Myrrhen? Die Erde ist unser Bett, der Himmel ist unser Hut. Dieses Kind, welches so hablos ist, dass wir es auf das Heu des Rindes legen mussten, ist nicht gekommen zu empfangen, es ist gekommen zu geben."
Da flüsterten die Könige zueinander: "Wir haben ihn gefunden. Lasst es uns eilig dem Herrn Bruder melden!" Einer von ihnen, der schwarz an Farbe war gab die Meinung ab, Herodes scheine nicht dazu angetan, sich in seinem Lande vor einem andern zu beugen. Es würde klug sein, ihm das Kind nicht zu verraten. Sie kehrten auf anderem Wege in ihre Länder zurück. - Herodes hatte trotzdem erfahren, dass sich unter den kleinen Kindern zu Bethlehem eines befinde, das nach der Weissagung der Juden größter König werden würde, und da es ihm nicht gelang, dasselbe herauszufinden, so ließ er in und um Bethlehem alle Knaben ermorden. -
Schlaft ihr? Oder weint ihr? Oder belächelt ihr den Erzähler? Ach, ihr habt die Botschaft schon allzu oft und in allzu absichtlicher Weise gehört, um die göttliche Lieblichkeit und wilde Größe, die darinnen liegt, noch zu empfinden! Von den drei wirklichen Weihnachtsfesten - der Geburt, der Beschneidung und der Erscheinung der Könige - birgt das letztere den grandiosesten Inhalt, die unbegreiflichsten Wunder. Warum kamen die mächtigsten Herren und knieten vor dem armen Kinde? Weil sie Weise waren. als ob sie wussten, dass sich im Wohlleben und Prunk kein Gottmensch entwickeln kann, dass die Armut und die Einsamkeit und die Verlassenheit, und alles Liebe und alles Leid des Volkes, dazu gehört einen groß angelegten Menschen zu einem Heros und Erlöser zu machen.
Wenn ich wieder einmal auf der Tenne stehen sollte und den Korngaben predigen, wie einst als zehn - bis vierzehnjähriger Junge, da ich den Strohköpfen die Weihnachtspredigten hielt, bis mir unser Knecht Markus einmal im Vertrauen mitteilte, ich sei der schönste Pfaff für die Hauskapelle in einem Narrenturm - wenn ich wieder einmal so vor Strohköpfen predigen sollte (kein Mensch kann's wissen, was ihm bevorsteht) ich wollte die Geschichte von den drei heiligen Königen und ihrem Stern so verwegen ausspinnen, wie ich es an dieser Stelle nicht tun darf.
Am zweiten Tage nach Heiligen-Drei-König ist das Gedächtnis des heiligen Erhard, der im steirischen "Mannelkalender" mit einem Bischofsstabe und einer Holzaxt angedeutet steht.
Die Legende erzählt, dass die Holzaxt das Marterwerkzeug wäre, mit welchem der heilige Bischof getötet worden sei; aber der Bauer weiß es, dass Sankt Erhard die Axt hat, um damit endlich die Weihnachtsfeiertage abzuhacken, nachdem solche mit leichten Unterbrechungen zwei volle Wochen gedauert haben. Andere Auslegungen sind, dass Erhard mit der Axt die eingeeisten Mühlräder enteisen und dann in den Wald Brennholz hacken gehen will.
Und so ist Werktagzeit geworden. In der Kirche klingt die Weihnachtsstimmung noch bis Maria Lichtmess fort. Hier außen tobt der Karneval; wer nicht arbeitet und nicht betet, der mag tanzen, der Erdeboden ins eingeölt, der Himmel drückt ein Auge zu.
Und mich wollen jetzt, da ich diese Betrachtung beschließe, die Prosanen haben und die Frommen. Beide, um mich zu verbrennen. Ich entschlüpfe den geringen Krallen wie ein Schmetterling. Ich liebe die Blumen. Und die holde, die selige Weihnachtszeit mit ihren heiligen Mythen ist eine Blume mitten im Winter des Jahres und des Lebens - eine Blume, die an meinem Busen blühen möge, wenn ich freie und wenn ich sterbe. Oder weiß einer von Euch Frommen und Prosanen im Himmel und auf Erden schöneres zu denken, als eine junge keusche Mutter mit dem Kinde? Als ein Kind, das mit dem Fleisch gewordenen Wort: "Tue Gutes denen, die dich hassen; liebe deinen Nächsten wie dich selbst" die Welt erlösen will?
Über der Waldlandschaft liegt eine starre, blasse Winternacht. Am Himmel steht der Mond, aber der Schnee auf den Fichtenbäumen flimmert nicht, denn der Mond und die Sterne sind durch eine matte Wolkenschicht verdeckt. In solcher Dämmerung sind die Höhenrücken und die Täler und Schluchten nur unbestimmt zu sehen, hier ragen die schwarzen Zacken der Bäume schärfer auf, weiterhin verschwimmen die Umrisse der Berge und Bäume teils in Frohlust, teils im Schleier eines sachte beginnenden Schneiens.
Durch diese Nacht zittert ein Klingen. Es kommt von allen Seiten her, es ist, als ob die Schneeflocken in der Luft klängen. Es steigt von den Tälern herauf, wo Dörfer und Kirchen stehen, es sind die Glocken der heiligen Weihnacht.
Welch eine wunderbare Erscheinung an diesem Tage! Wenn eines Tages am Himmel zwei Sonnen stehen, so ist das Wunder nicht größer, als jenes, das sich am Weihnachtsfeste vollzieht. Das ist ein Tag, an welchem von all den eigennützigen Menschen keiner an sich, jeder an andere denkt. Einer den andern mit Freuden zu überraschen, mit Gaben zu überhäufen, das ist das Ziel dieses Tages. Es ist kalter Winter, aber keinen friert, denn die Kerzen sind warm. Es gibt heimliche Arbeit Tag und Nacht, keiner ermüdet, keinen hungert, die Liebe zum Mitmenschen stärkt und sättigt alle. Es ist, als ob die Naturgesetze andere wären, und fast bangt man um das Gleichgewicht der Welt, da so plötzlich alles in Freude ist, da so plötzlich die Allgewalt der Charitas herrscht. Wenn ich am Morgen des Weihnachtsabends erwache und mein Auge auf den Christbaum fällt, der in Erwartung der nahen Jubelstunde still auf dem weiß gedeckten Tische steht, da werden mir die Augen feucht. O Weihnachtsfest, das du die Herzen der Menschen erweckest und mit himmlischem Maienhauch die Erde zum Heiligtum wandelst, sei gegrüßt! Sei gegrüßt, du göttliches, du unbegreifliches Weihnachtsfest.
Der heilige Abend und der Christtag! Zwei Tage haben wir im Jahre, an welchem die Liebe herrscht, die vor nahezu zweitausend Jahren der Heiland geoffenbart hat. Wenn jedes neue Jahrtausend auch nur einen Tag der selbstlosen Liebe in das Jahr dazulegte, so brauchen wir nur mehr dreihundertdreiundsechzigtausend Jahre, bis die Erde - vorausgesetzt, dass sie so lange das Leben hat - ein Himmelreich ist.
Übrigens, wenn manche Leute das, was sie für den "Himmel" tun, ohne dass die Mitmenschen davon einen Vorteil haben, für diese Welt und ihre Bewohner üben wollten, wir kämen noch um ein Bedeutendes früher zum heiß ersehnten Reiche Gottes auf Erden. -
Ihr kennt die Geschichte, wie der arme Gregor hinausging in den Wald, um für seine lieben Kinder ein Christbäumchen zu holen. Dabei ergriff ihn der Förster und ließ ihn als einen Dieb und Waldfrevler sofort in den Arrest stecken. Das bürgerliche Gesetzbuch sagt, der Förster hätte recht getan. Das ist mir schon ein Verdächtiger, der immer nur aufs bürgerliche Gesetzbuch schaut und auf nichts anderes. Wir tragen ein anderes Gesetzbuch in unserem Herzen. Als ich einst in jungen Jahren aus dem Waldhause in die Fremde ging, unwissend und unerfahren, nahm mich meine Mutter an der Hand und sagte: "Peter, wenn du einmal einem anderen etwas tun willst und weißt nicht, ob's recht oder unrecht ist, so mache auf ein Vaterunser lang die Augen zu und denk', du wärest der andere." - Da habt ihr das Evangelium, den Katechismus und das bürgerliche Gesetzbuch in wenigen Worten beisammen.
Finden denn die Weihnachtsglocken nimmer Harmonie in unserer Seele? Heute ausgelassene Schenkfreude, morgen wieder Lieblosigkeit. Wäre denn die Treue, das herzliche Anschließen des Menschen nicht selbstverständlich auf dieser Welt, wo die Elemente jede Stunde tausend Waffen gegen uns bereithalten? Wahrlich, es ist nicht klug, sich Feinde zu schaffen unter den Brüdern und hohlen Phantomen nachzujagen und Herzen zu verwunden die kurze Zeit, da wir das Sonnenlicht schauen über den Gräbern. Die Lichter am Weihnachtsbaum, sie brennen genauso feierlich ernst und still, wie jene dereinst an der Totenbahre!
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Erzählung
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Peter Roseggers Text "Die heilige Weihnachtszeit" ist weit mehr als eine einfache Festtagsgeschichte. Es handelt sich um ein tiefgründiges literarisches Essay, das die Weihnachtszeit aus der Perspektive des ländlichen Brauchtums und einer persönlich gefärbten Theologie betrachtet. Der Erzähler beginnt mit einer scheinbar naiven Kritik am Kirchenkalender und schlägt eine eigene, an der Sonnenbahn orientierte Reform vor. Diese Einleitung dient jedoch vor allem dazu, eine Haltung zu etablieren: die des nachdenklichen, in Traditionen verwurzelten und dennoch eigenwilligen Beobachters. Rosegger baut eine Brücke zwischen dem volkstümlichen Wissen der Bauern und einer reflektierten, fast philosophischen Betrachtung des Festes.
Der Kern der Erzählung ist eine Reise durch die gesamte Weihnachtszeit, von Adam und Eva bis zum Fest der Heiligen Drei Könige und darüber hinaus. Rosegger beschreibt detailreich Bräuche wie das Schuhwerfen in der Thomasnacht, das Scheitertragen oder das Anschreiben der Initialen C+M+B. Dabei verklärt er diese Bräuche nicht einfach, sondern zeigt sie mit einem liebevollen Schalk, etwa wenn die Weissagungen nicht eintreffen oder er selbst mit Holzkohle das "B" für den schwarzen König Balthasar malt. Die ausführliche Nacherzählung der Heiligen Drei Könige ist ein Höhepunkt. Rosegger interpretiert sie neu: Die Weisen erkennen im armen Kind den wahren Herrscher, weil sie verstehen, dass Größe aus Armut und Verbundenheit mit dem Leid der Menschen erwächst. Diese Interpretation stellt die konventionelle Frömmigkeit auf den Kopf und betont eine soziale und ethische Dimension des Weihnachtswunders.
Der abschließende Teil, eine lyrisch-dichte Beschreibung einer winterlichen Waldlandschaft mit den klingenden Weihnachtsglocken, verdichtet die Botschaft. Hier wird das Wunder von Weihnachten als temporäre Aufhebung der egoistischen Weltordnung beschrieben, als ein Tag, an dem "die Charitas herrscht". Die Schlussgedanken – die Mahnung, das "Gesetzbuch in unserem Herzen" zu befolgen, und die ernsten Lichter, die sowohl am Baum als auch an der Totenbahre brennen – verleihen der Geschichte eine nachdenkliche, fast melancholische Tiefe. Weihnachten wird so nicht nur als freudiges Fest, sondern auch als ernste Erinnerung an unsere Vergänglichkeit und unsere moralische Verantwortung gezeichnet.
Biografischer Kontext des Autors
Peter Rosegger (1843-1918) ist eine der bedeutendsten literarischen Stimmen Österreichs und insbesondere der Steiermark. Als Sohn eines armen Waldbauern erlebte er das bäuerliche Leben, das er in "Die heilige Weihnachtszeit" so lebendig schildert, aus erster Hand. Sein Weg vom schwächlichen Sohn eines Bergbauern, der zunächst Schneider werden sollte, zum erfolgreichen Schriftsteller ist bemerkenswert. Diesen Hintergrund spürt man in jeder Zeile: Seine Sympathie gilt stets den "einfachen Leuten", ihren Bräuchen, ihrer Sprache und ihrer oft verschrobenen, aber herzlichen Frömmigkeit.
Rosegger war ein genauer Beobachter des gesellschaftlichen Wandels im 19. Jahrhundert, der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Verfall ländlicher Traditionen. Seine Werke, zu denen Romane wie "Die Schriften des Waldschulmeisters" oder "Der Gottsucher" zählen, oszillieren oft zwischen Heimatdichtung, sozialer Kritik und religiöser Suche. In "Die heilige Weihnachtszeit" vereinen sich all diese Stränge. Seine Kritik an der starren Kirchenhierarchie (die Reformvorschläge), seine liebevolle Darstellung des Brauchtums und seine sozial-ethische Interpretation der Weihnachtsbotschaft sind typisch für seinen schriftstellerischen Ansatz. Die Geschichte ist somit ein authentisches Dokument aus der Feder eines Autors, der sowohl in der alten bäuerlichen Welt verwurzelt als auch ein moderner, reflektierender Denker war.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung, die sich im Verlauf des Textes wandelt. Sie beginnt in einem heiter-besinnlichen, fast gemütlichen Ton, geprägt von der persönlichen Anekdote und den ironischen Kommentaren des Erzählers. Die Beschreibung der Bräuche vermittelt eine warme, nostalgische Stimmung der Vertrautheit und Verwurzelung.
Diese Grundstimmung wird jedoch immer wieder von anderen Tönen durchbrochen. Die Nacherzählung der Geschichte der Heiligen Drei Könige und des Kindermords in Bethlehem bringt eine Note von "wilder Größe" und Ernsthaftigkeit, ja sogar Schrecken, hinein. Der lyrische Abschluss mit der winterlichen Landschaft und den Glocken erzeugt dann eine feierlich-andächtige, fast mystische Stimmung. Die letzten Sätze schließlich verleihen dem Ganzen eine nachdenkliche, leicht melancholische und sehr ruhige Grundierung. Insgesamt ist die Stimmung eine Mischung aus behaglicher Weihnachtsfreude, tiefem Ernst und weiser Betrachtung des menschlichen Daseins.
Emotionale Wirkung der Geschichte
Die Geschichte löst ein breites Spektrum an Gefühlen aus. Zunächst wirkt sie durch die detailreichen Schilderungen des Brauchtums heimelig und kann ein Gefühl der Nostalgie und Wärme hervorrufen. Die humorvollen Einlagen, wie das Missgeschick mit der Kreide oder der Kommentar zu den nicht eintreffenden Weissagungen, erzeugen ein mildes, schmunzelndes Vergnügen.
Die zentrale Passage über die Heiligen Drei Könige und die Reflexionen über die Bedeutung von Armut und Größe führen zu Nachdenklichkeit und vielleicht auch zu Ergriffenheit. Die Schlusspassage mit der winterlichen Nacht und den Glocken kann ein Gefühl der feierlichen Rührung auslösen. Die abschließenden Gedanken über die Totenbahre und die kurze Zeit des Lebens münden in eine wehmütige, aber nicht verzweifelte Melancholie. Insgesamt hinterlässt die Lektüre weniger ein Gefühl ausgelassener Freude, sondern vielmehr eine tiefe, nachhallende innerliche Bewegung und eine gesteigerte Sensibilität für die Doppelbödigkeit des Festes: seine Freude und seine ernste Botschaft.
Moral und Werte der Erzählung
Rosegger vermittelt Werte, die sowohl im christlichen Kontext verankert sind als auch eine universelle menschliche Gültigkeit beanspruchen. Die christliche Botschaft steht zwar im Vordergrund, wird aber auf eine sehr persönliche und unkonventionelle Weise interpretiert.
- Nächstenliebe und Charitas: Dies ist der zentrale Wert. Das Wunder von Weihnachten wird als die zeitweilige Herrschaft der selbstlosen Liebe beschrieben, die alle Naturgesetze außer Kraft zu setzen scheint.
- Mitgefühl und Perspektivwechsel: Deutlich wird dies in der Anekdote der Mutter, die rät, man solle sich in die Lage des anderen versetzen. Dieses "Gesetzbuch des Herzens" wird über das bürgerliche Gesetzbuch gestellt.
- Bescheidenheit und wahre Größe: Anhand der Heiligen Drei Könige wird gezeigt, dass wahre königliche oder göttliche Größe nicht in Reichtum, sondern in Armut, Einfachheit und Verbundenheit mit dem Leid der Menschen liegt.
- Verantwortung und Versöhnlichkeit: Die Mahnung, sich in der kurzen Lebenszeit keine Feinde unter den Brüdern zu schaffen, betont den Wert der zwischenmenschlichen Harmonie und Vergebung.
- Achtung vor Tradition und Brauchtum: Die liebevolle Schilderung der Bräuche zeigt ihren Wert als identitätsstiftende und sinngebende Praktiken, auch wenn sie mit einem Augenzwinkern betrachtet werden.
Diese Werte passen perfekt zu Weihnachten, da Rosegger sie direkt aus dem Kern der Weihnachtsbotschaft – der Menschwerdung und der damit verbundenen Liebe – ableitet, sie aber in eine sehr irdische, menschliche Praxis übersetzt.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die Fragen, die Rosegger aufwirft, sind heute ebenso relevant wie im 19. Jahrhundert. Sein Plädoyer für Nächstenliebe und Mitgefühl in einer oft von Eigennutz geprägten Welt ist eine zeitlose Botschaft. Die Spannung zwischen geschriebenen Gesetzen (wie dem bürgerlichen Gesetzbuch) und dem inneren moralischen Kompass ("denk, du wärest der andere") ist ein hochaktuelles ethisches Dilemma.
Seine Kritik an einer erstarrten institutionellen Religiosität und sein Bemühen, den spirituellen Kern des Festes jenseits von Kommerz und Routine freizulegen, sprechen viele moderne Menschen an, die sich nach einer authentischeren Feierkultur sehnen. Die Beschreibung des Festes als kurze, wundersame Auszeit von der Ellenbogengesellschaft wirkt heute fast wie eine Sehnsuchtsfantasie. Zudem ist der Text ein wertvolles kulturhistorisches Dokument, das an vergessene Bräuche erinnert und damit zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit Tradition anregt. Die Geschichte ist also nicht nur zeitgemäß, sondern bietet auch einen erfrischend unverbrauchten, tiefgründigen Blick auf das Weihnachtsfest.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich nicht für laute, hektische Vorweihnachtsfeiern, sondern für ruhige, besinnliche Momente. Sie ist ideal für den Advent, um sich langsam auf die Tiefe des Festes einzustimmen. Perfekt ist sie für den Heiligen Abend selbst, vielleicht nach dem Besuch der Christmette oder am späten Abend, um innezuhalten. Sie bietet auch wunderbaren Gesprächsstoff für den Weihnachtstag oder den Zweiten Feiertag, wenn man über die Bedeutung des Erlebten nachdenken möchte.
Darüber hinaus ist sie eine ausgezeichnete Lektüre für literarisch oder volkskundlich interessierte Kreise, für Gesprächsrunden in Gemeindegruppen oder für den Deutschunterricht in höheren Klassen, wo sie als Beispiel für Heimatdichtung und religiöse Reflexion analysiert werden kann.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte spricht in erster Linie Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren an. Die Sprache Roseggers ist teilweise altertümlich, die Gedankengänge sind komplex und setzen ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und Reflexionsvermögen voraus. Jugendliche, die sich für Literatur, Philosophie oder Kulturgeschichte interessieren, können jedoch sehr von der Lektüre profitieren. Für Erwachsene jeden Alters, die eine anspruchsvolle und gehaltvolle Weihnachtslektüre suchen, die über das Übliche hinausgeht, ist dieser Text ein wahrer Schatz.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser, die eine kurze, einfache und durchweg fröhliche Weihnachtsgeschichte mit klarem Handlungsfaden suchen. Sie ist keine Gute-Nacht-Geschichte für kleine Kinder, da die Sprache zu anspruchsvoll und die Inhalte zu abstrakt sind. Auch Menschen, die eine ausschließlich festliche, unkritische und rein unterhaltende Lektüre wünschen, könnten mit Roseggers nachdenklichem und stellenweise melancholischem Ton wenig anfangen. Wer eine stark action- oder plotlastige Erzählung erwartet, wird hier nicht fündig, denn es handelt sich primär um ein reflektierendes Essay.