Edle Tannen
Kategorie: Lustige Weihnachtsgeschichten
Edle Tannen Lesezeit: ca. 10 Minuten Der Mann schaute sich suchend in dem provisorisch hergerichteten Maschendrahtgeviert um, in dem Weihnachtsbäume verschiedenster Art und Größe lagen und lehnten. Fichten neben Silber- und Nordmannstannen, Edel- und Blautannen, sogar ein paar Kiefern waren darunter.
Autor: unbekannt
"Was kosten die denn so?" fragte der Mann den Christbaumverkäufer, der Ohrenschützer trug und sich eine rotweiße Pudelmütze über den Kopf gestreift hatte.
"Kommt drauf an, was Sie haben wollen", brummte der verdrossen und rieb sich seine blaugefrorenen Hände. "Fichten gibt's ab zehn Mark, Tannen ab 25, Edeltannen ab 40 Mark. Hängt aber von der Größe ab."
Der andere Mann nickte und schaute interessiert zu den Edeltannen. "Ich habe schon an eine Edeltanne gedacht", meinte er.
Das Gesicht des Christbaumverkäufers erhellte sich merklich in Erwartung eines anständigen Geschäftes. Der Absatz von teuren Bäumen war bisher eher schleppend gewesen.
Er schlug den Kragen seines grünen Drillkittels hoch, stelzte zu den Edeltannen, nahm eine mittelgroße vom Maschengeflecht und stellte sie hin, wobei er die Zweige zurechtrückte.
"Mmmh", meinte der Mann, "hübsches Bäumchen. Wie teuer?"
"Sechzig", sagte der Christbaumverkäufer.
Der Mann zuckte gleichmütig die Schultern. "Na schön. Den nehme ich."
Während der Baumverkäufer die Edeltanne in einen grünen Plastiknetzstrumpf packte, holte der andere Mann seine Geldbörse heraus, öffnete sie und blätterte im Scheinfach.
"Hier", meinte er dann, wobei er dem Christbaumverkäufer einen Schein reichte, "kleiner hab' ich's aber leider nicht. Können Sie darauf rausgeben?"
Der Christbaumverkäufer warf einen kurzen Blick auf den 500-Mark-Schein, den der Mann ihm hinhielt, und nickte. "Kein Problem", sagte er.
Minuten später hatte der Mann mit der Tanne das Geviert verlassen, sie auf das Fahrrad gelegt, mit dem er gekommen war, und verschwand.
Herbert Driesel blieb mißtrauisch stehen, als der ihm entgegenkommende Mann, der ein Fahrrad mit einer Edeltanne darauf schob, ihn ansprach. "Haben Sie schon einen Weihnachtsbaum?" fragte der Mann.
Driesel schüttelte verdutzt den Kopf. "Nein", erwiderte er, "aber..."
"Wollen Sie den hier?" fragte der Mann.
Bevor Driesel darauf antworten konnte, fügte der Mann hinzu: "Ich schenke ihn Ihnen."
"Na, wenn das so ist", meinte Driesel erfreut. "Den nehme ich gerne."
"Fröhliche Weihnachten", sagte der Mann und ließ die Edeltanne vom Fahrrad gleiten.
Driesel hob sie auf und bedankte sich bei dem großzügigen Spender. "Aber warum machen Sie das eigentlich?"
Der Mann grinste: "Ich bin der Weihnachtsmann."
Driesel lachte. Bevor er noch etwas sagen oder fragen konnte, hatte der Mann sich auf sein Fahrrad geschwungen und war verschwunden.
"Das ist natürlich für Sie eine schöne Bescherung", meinte Kommissar Sengdeil mitfühlend zu seinem Gegenüber.
Er deutete auf das Stück Papier, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und schüttelte den Kopf.
"Bescherung ist gut gesagt", erwiderte der Christbaumverkäufer im grünen Kittel wütend. "Eine Sch.... ist das sondergleichen!" Seine Ohrenschützer und die rotweiße Pudelmütze hatte er abgenommen.
Der Mann starrte auf das Papier und biß sich auf die Unterlippe.
"Fünfhundert Mark zum Teufel, und dazu noch der Baum", knirschte er dann bitter. "Und das nur wegen dieser dämlichen Kassiererin."
"Tja, die hat nur ihre Pflicht getan", meinte Sengdeil schulterzuckend. "Der dürfen Sie keinen Vorwurf machen., Herr Paulig. Ich kann Ihren Ärger ja gut verstehen, aber ich sag's Ihnen gerne noch einmal: Kassierer bei Sparkassen und Banken sind dazu verpflichtet, Falschgeld einzuziehen. Die würden sich sogar strafbar machen, wenn sie es nicht täten."
Der Christbaumverkäufer namens Paulig nickte unwillig.
"Ist zwar kein Trost für Sie", fuhr Sengdeil fort, "aber Sie sind nicht der einzige, der so geschädigt worden ist."
"Versteh' ich nicht." Paulig schaute den Kriminalbeamten vom Falschgelddezernat verständnislos an.
"Allein in der letzten Woche sind achtzehn solcher Blüten aufgetaucht", erklärte Sengdeil. Er konnte dabei ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken.
"Achtzehn?" echote Paulig, um dann zu fragen, als er das Schmunzeln sah: "Was ist denn daran so komisch?"
"Mit allen achtzehn wurden Weihnachtsbäume gekauft, so wie bei Ihnen."
Pauligs Unterkiefer sackte herunter. "Ist doch nicht möglich", sagte er dann.
"Oh, doch. Das dürfen Sie mir glauben", versicherte ihm der Kommissar. "Verstehen Sie jetzt, warum es sehr wichtig wäre, wenn Sie mir eine Beschreibung des Mannes geben könnten, Gesichtsform Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, Kleidung und so weiter?" Er schaute Paulig fragend an.
Der kratzte sich den Kopf. "Eigentlich habe ich ihn mir nicht so genau angesehen. Ein ganz durchschnittlicher Mann. Vielleicht einssiebzig groß, etwas untersetzt, aber nicht dick. Grauhaarig, würde ich sagen. Ja", meinte er dann, "und er hatte ein rotlackiertes Fahrrad dabei."
"Das ist nicht viel, aber besser als nichts", erwiderte Sengdeil. "Es deckt sich übrigens mit dem, was Ihre Kollegen uns erzählt haben. Und sonst", forschte er dann, "ist Ihnen vielleicht sonst irgendwas aufgefallen?"
Paulig überlegte sichtlich angestrengt. "Nee", meinte er schließlich. "Was soll mir aufgefallen sein? Oder, warten Sie. Vielleicht war das ja ein Zufall... aber da kam ein Mann mit einer Edeltanne unterm Arm aus der Richtung, in der der Kerl verschwunden war. Ich erinnere mich deshalb daran, weil teure Bäume in diesem Jahr nicht gut laufen."
Sengdeil grinste. "Paßt genau."
"Was meinen Sie denn damit?" wollte Paulig wissen.
"Der Bursche verschenkt die Bäume offensichtlich anschließend", klärte ihn der Kommissar auf und lachte kurz. "Humor hat er ja. Das muß man ihm lassen. Tut mir leid für Sie, Herr Paulig, aber nochmals danke."
Der Christbaumverkäufer erhob sich, nahm Ohrenschützer und Pudelmütze, warf einen letzten begehrlich-bekümmerten Blick auf den falschen Fünfhunderter, der auf dem Schreibtisch lag, und verließ das Büro.
Während der mächtige Farbkopierer falsche Fünfhunderter ausspuckte, zählte Schlotteck seine Beute. Säuberlich bündelte er seine Tageseinnahme an Wechselgeld auf dem kleinen Tisch in Hunderter, Fünfziger, Zwanziger und Zehner.
Bei einem Hunderter hielt er inne, befühlte ihn sorgfältiger als die anderen, hob ihn vor die UV-Lampe, betrachtete den Schein und grinste. "Nicht schlecht gemacht", murmelte er halblaut, legte die Blüte aber beiseite.
Als Schlotteck mit dem Zählen fertig war, lagen 12.310 Mark vor ihm. In echten, gebrauchten Scheinen. "Macht zusammen", er krauste kurz die Stirn, "34.320. Abzüglich Leasingkosten für den Kopierer", wieder legte er die Stirn in Falten, "32.320 Märker." Er rieb sich die Hände.
Schlotteck stand auf, trat an den Kopierer und nahm den Stapel bedruckten Papiers aus dem Ausgabeschacht. Er schaltete den Kopierer ab und setzte sich wieder an den Tisch, wo er zu einer Schere griff, um mit dem Ausschneiden zu beginnen. "Morgen, Kinder, wird's was geben, summte er dabei.
Um 14 Uhr vergewisserte Sengdeil sich nochmals. "Lametta, hier Weihnachtsblüte. Alles in Position?" Er lauschte erwartungsvoll. "Lametta 1 in Position, Weihnachtsblüte", kam es etwas rauschend aus dem Funkgerät. Aus dem Hintergrund war weihnachtliches Stimmgewirr zu hören.
Die nächste Meldung erfolgte sofort darauf: "Lametta 2 in Position, Weihnachtsblüte."
So ging es weiter. Alles war bereit. Sieben Männer und zwei Frauen hatte Sengdeil postiert. Jetzt blieb nur zu warten und zu hoffen, daß der Bursche auch wirklich kam.
Sengdeil überlegte. In den letzten Tagen hatten sie den Weg des Fälschers fast komplett rekonstruieren können. Die Standplätze der Christbaumverkäufer, bei denen er seine Fünfhunderter-Blüten abgesetzt hatte, lagen zwar wahllos über die ganze Stadt verstreut, aber interessanterweise ergab der Weg des Gauners eine Spirale. Das jedenfalls zeigten die bunten Markierungsnadeln, die auf den Stadtplan gesteckt worden waren.
Der "Weihnachtsmann", wie sie ihn nannten, hatte in den Außenbezirken angefangen und würde - wenn ihn nicht alles trog - heute, am 23. Dezember, zum großen Finale auf dem Christkindlmarkt auftauchen. 16 Uhr war die übliche Zeit seines Erscheinens gewesen. Zeit der beginnenden Dämmerung.
Die Falsifikate waren von durchschnittlicher Qualität, für geübtes Auge und geübte Hand sofort zu erkennen. Aber in der Weihnachtshektik achtete kaum jemand darauf.
"Hier Lametta 3, Weihnachtsblüte. Nichts Auffälliges", kam es aus dem Handfunkgerät.
"Verstanden, Lametta 3."
"Lametta 5, Weihnachtsblüte. Dito", meldete sich Inga, die am Imbiß neben dem Rathausbrunnen stand.
"Wir warten", erklärte Sengdeil. Er schaute Krause an, der ihm gegenüber an dem Fenstertisch saß. "Was wettest du, Rudi?"
"Fünfzig, daß er nicht kommt. So blöd wird der nicht sein, Werner", erwiderte Rudi und legte einen Fünfziger auf den Tisch.
"Hundert, daß er kommt", entgegnete Sengdeil zuversichtlich. Er holte einen Hunderter heraus.
Krause grinste. "Ich halte mit. Die Wette gilt." Er legte noch fünfzig dazu.
Gegen halb acht begannen die ersten Verkäufer, ihre Buden zu schließen. Das Treiben auf dem Markt ließ merklich nach. Keine Spur vom "Weihnachtsmann."
"Und jetzt, Werner?" Krause schaute seinen Chef erwartungsvoll an. "Laß uns abbrechen. Der kommt garantiert nicht!"
Kommissar Sengdeil nickte bedächtig, biß sich auf die Unterlippe und strich sich übers Haar. "Okay", sagte er. "Blasen wir die Aktion ab. Sag denen draußen Bescheid."
Er schob Krause den Hunderter rüber, der ihn an sich nahm und fast verlegen meinte: "Das tut mir echt leid, Werner."
"Dir doch nicht, Rudi", feixte Sengdeil. "Wir treffen uns in einer Stunde im Sprökenstadl."
"Also feiern willst du trotzdem?" Krause tat erstaunt.
"Sagen wir, wir begießen die Niederlage angemessen."
Sengdeil erhob sich, nickte seinem Kollegen zu und verließ das Lokal. "Ich gehe rüber zu Inga."
Halb erleichtert, halb frustriert seufzte Kriminalassistentin Inga Glowick, als die Mitteilung kam, daß der Einsatz beendet sei. Über sechs Stunden hatte sie in der Kälte gestanden und, wie ihre Kollegen gespannt darauf gewartet, daß der Mann kam.
Werner Sengdeil tat ihr leid. Und natürlich hätte der Erfolg ihnen allen gutgetan. Gerade heute, wo die Weihnachtsfeier anstand. Inga schaute auf die Uhr. Hoffentlich kam Werner schnell, der sie in seinem Wagen mitnehmen wollte. Sie warf einen Blick zu dem Lokal hinüber, von wo aus er mit Rudi den Einsatz geleitet hatte.
Die Eingangstür öffnete sich. Werner trat heraus und ging langsam auf sie zu. Seine Schultern waren gesenkt.
Inga wollte sich in Bewegung setzen, als es hinter ihr klingelte und eine Männerstimme sie fragte. "Verzeihen Sie, aber haben Sie schon einen Weihnachtsbaum?"
Die Kriminalassistentin glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und drehte sich ungläubig um. Hinter ihr stand ein ausgemachter Weihnachtsmann mit wallendem Wattebart und Lockenperücke, rotem Mantel und einem Fahrrad.
Das Fahrrad war rot lackiert. Und darauf lag, säuberlich zusammengeschnürt, eine Edeltanne.
"Nein, aber...", setzte Inga verdutzt an und überlegte fieberhaft.
"Wollen Sie den hier?" fragte der Weihnachtsmann.
Bevor Inga darauf antworten konnte, fügte der Mann hinzu: "Ich schenke ihn Ihnen."
"Na, wenn das so ist", meinte Inga Glowick erfreut, "dann nehme ich ihn gerne."
Sie griff in die linke Innentasche ihres Parka. "Aber Sie werden doch erlauben", sagte sie, "daß ich Ihnen als Dank auch eine Freude mache."
Der Weihnachtsmann stutzte überrascht. "Womit?"
"Damit", sagte Inga und ließ die Handschellen um den Arm schnappen, mit dem er das Fahrrad führte. "Sie sind verhaftet."
Der Weihnachtsmann versuchte instinktiv, sich loszureißen. Vergebens.
Sekunden später war Kommissar Sengdeil bei den beiden und nahm ihm Perücke und Bart ab. "Na, sieh einer an, wen haben wir denn da?" sagte Sengdeil erfreut. "Den Weihnachtsmann!" Und zu seiner Kollegin gewandt: "Fröhliche Weihnachten, Inga!"
"Fröhliche Weihnachten, Werner!" sagte sie und lachte. "Aber mit der Feier wird's wohl heute nichts."
"Wir kommen später nach", versicherte Sengdeil. "Sag den anderen Bescheid, sie sollen ohne uns anfangen." Er durchblätterte das dünne Bündel nagelneuer Banknoten, das er in Schlottecks Weihnachtsmannmanteltasche gefunden hatte. Acht Fünfhunderter. Blüten natürlich.
Als Sengdeil und Inga Glowick kurz nach elf Uhr abends in das Lokal Sprökenstadl kamen, herrschte dort eine Bombenstimmung.
Rudi Krause schüttelte Sengdeil die Hand. "Glüchwunsch, Werner, du hast mal wieder den richtigen Riecher gehabt. Glück für dich, Pech für mich. Hier." Er reichte Sengdeil den Hunderter, den dieser ihm gegeben hatte. "Und hier." Er gab ihm die zwei Fünfziger.
"Moment mal", sagte Sengdeil, stutzte und musterte überrascht den Hunderter.
"Was ist?" wunderte sich Rudi.
"Sieh dir den mal genauer an", meinte Kommissar Sengdeil trocken.
Rudi stutzte seinerseits, tastete, hielt ihn ins Licht und schüttelte dann den Kopf. "Das darf nicht wahr sein, und sowas passiert ausgerechnet uns!" sagte er, als er sah, daß es eine Blüte war.
"Gib ihn nach den Feiertagen in der Asservatenkammer ab", mahnte Sengdeil.
Rudi nickte und wollte sich wieder zu den anderen an den Tisch setzen.
"Moment mal, Rudi", sagte Sengdeil und hielt die Hand auf. "Du bist mir noch einen Hunderter schuldig."
"Schlitzohr", knurrte Rudi.
Dann lachten beide.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung: Welche Gefühle löst die Geschichte aus?
- Moral und Werte: Welche spezifischen Werte vermittelt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Die Geschichte "Edle Tannen" ist weit mehr als eine simple Kriminalerzählung zur Weihnachtszeit. Sie entfaltet sich auf mehreren Ebenen und bietet eine kluge Mischung aus Sozialstudie, humorvoller Satire und spannender Polizeiaktion. Im Kern handelt es sich um die Geschichte des Fälschers Schlotteck, der mit gefälschten 500-Mark-Scheinen teure Weihnachtsbäume kauft, um sie anschließend als "Weihnachtsmann" an ahnungslose Passanten zu verschenken. Dieser ungewöhnliche Betrug dient nicht der persönlichen Bereicherung im klassischen Sinne, sondern finanziert sich selbst: Mit dem echten Wechselgeld aus dem Falschgeld-Einsatz leistet er sich die teuren Bäume, die er dann weitergibt. Die Handlung ist somit eine paradoxe Mischung aus Gaunerei und scheinbarer Nächstenliebe.
Die Erzählung zeichnet ein präzises Bild der späten DDR oder der unmittelbaren Nachwendezeit (erkennbar an der Währung Mark und der Erwähnung von Sparkassen). Sie thematisiert subtil die Alltagssorgen kleiner Leute wie den frierenden Christbaumverkäufer Paulig, für den der Verlust von 500 Mark eine existenzielle Katastrophe bedeutet. Gleichzeitig karikiert sie die Bürokratie und den Pflichteifer der Bankangestellten. Die Ermittler um Kommissar Sengdeil agieren nicht als übermächtige Autoritäten, sondern als pragmatische, manchmal frustrierte Beamte, die mit Humor und einer Wette ihrer Arbeit nachgehen. Die finale Festnahme durch die Undercover-Beamtin Inga Glowick, die das ritualisierte "Schenk"-Gespräch des Täters geschickt für sich nutzt, ist ein Höhepunkt ironischer Pointe. Die Geschichte endet mit einer weiteren humorvollen Wendung, als sich ausgerechnet der Wetteinsatz der Kollegen als weitere "Blüte" entpuppt, was den Kreislauf von Fälschung und Irrtum auf charmante Weise perpetuiert.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung. Sie beginnt mit einer typisch winterlich-nostalgischen Atmosphäre: die Kälte auf dem Christbaummarkt, der frierende Verkäufer, die Suche nach dem perfekten Baum. Diese gemütlich-weihnachtliche Grundstimmung wird jedoch schnell von einer latenten Spannung und einer Prise Melancholie unterlaufen. Die Schilderung der finanziellen Not des Verkäufers und die kriminelle Energie des Täters sorgen für einen realistischen, fast düsteren Unterton.
Im weiteren Verlauf dominiert eine Mischung aus heiter-amüsanter und spannend-jagdförmiger Stimmung. Die Verfolgungsjagd der Polizei, das Warten im Kalten und die clevere Falle lesen sich wie ein kurzes Krimi-Kapitel. Der Humor ist trocken und situativ, etwa wenn der Kommissar den "Humor" des Täters anerkennt oder die Kollegen eine Wette abschließen. Die finale Festnahme und das gesellige Beisammensein im Lokal "Sprökenstadl" führen zu einer warmherzigen, versöhnlichen und festlichen Schlussstimmung, die den weihnachtlichen Geist trotz aller Gaunereien wieder einfängt. Insgesamt ist die Stimmung ein gelungener Wechsel zwischen Besinnlichkeit und Action, zwischen Herz und Verstand.
Emotionale Wirkung: Welche Gefühle löst die Geschichte aus?
Beim Lesen durchläufst du ein breites Spektrum an Gefühlen. Zunächst empfindest du vielleicht Mitleid mit dem hart arbeitenden, um seine Einnahmen betrogenen Christbaumverkäufer. Seine Wut und Verzweiflung sind nachvollziehbar. Gleichzeitig löst die Aktion des "Weihnachtsmannes" ambivalente Gefühle aus: Einerseits ist die Geste des Schenkens an Fremde rührend und erzeugt ein Gefühl der Freude und des Glaubens an spontane Großzügigkeit, wie bei Herrn Driesel. Andererseits weißt du als Leser um den betrügerischen Hintergrund, was ein ungutes, nachdenkliches Gefühl hinterlässt.
Die polizeiliche Verfolgungsjagd weckt Spannung und Anteilnahme am Erfolg der Ermittler. Die Schlagfertigkeit von Inga Glowick löst Bewunderung und Belustigung aus. Die Schlussszene im Lokal, wo sich die Kollegen trotz der Arbeitsniederlage freudig treffen und sogar der betrogene Kollege seinen Wetteinsatz zurückbekommt (wenn auch als Blüte), erzeugt ein Gefühl der Gemeinschaft, der Hoffnung und der heiteren Gelassenheit. Letztlich überwiegt ein warmherziges, leicht schmunzelndes Gefühl, weil die Geschichte zeigt, dass Menschlichkeit und Schläue am Ende doch siegen – auch wenn der Weg dorthin kurios war.
Moral und Werte: Welche spezifischen Werte vermittelt die Geschichte?
Die christliche Botschaft tritt hier deutlich in den Hintergrund. Stattdessen vermittelt die Geschichte ein komplexes Geflecht allgemein menschlicher und gesellschaftlicher Werte. Im Zentrum steht der offensichtliche Wert der Ehrlichkeit und Legalität. Betrug wird nicht verharmlost, der Täter wird gefasst und zur Rechenschaft gezogen. Ebenso wichtig ist der Wert der Pflicht und Verantwortung, den sowohl die Kassiererin als auch die Polizisten verkörpern.
Interessanterweise thematisiert die Erzählung aber auch den Wert der Großzügigkeit und spontanen Nächstenliebe, auch wenn diese in diesem Fall auf einer Lüge basiert. Sie hinterfragt damit, ob die Geste an sich einen Wert hat, unabhängig von der Motivation. Ein weiterer zentraler Wert ist Gemeinschaft und Kollegialität, wie sie im Team von Kommissar Sengdeil und in der gemeinsamen Weihnachtsfeier gezeigt wird. Schließlich geht es auch um Cleverness und Schlagfertigkeit (Ingas Verhaftung) sowie um Humor und Gelassenheit im Umgang mit Niederlagen und Widrigkeiten. Diese Werte passen sehr gut zur Weihnachtszeit, die ja nicht nur ein religiöses, sondern auch ein Fest der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Hilfsbereitschaft und der gemeinsamen Freude ist.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Auch wenn die Geschichte in der Zeit der D-Mark spielt, sind ihre Themen erstaunlich aktuell. Der Betrug mit Falschgeld mag heute seltener sein, aber moderne Parallelen lassen sich leicht ziehen: Denke an Betrug mit gefälschten Online-Zahlungen, betrügerische Charity-Aktionen oder das "Scamming" im Internet. Die Figur des Schlotteck, der ein System ausnutzt, um sich selbst zu bereichern und dabei sogar eine Art "Robin-Hood"-Image pflegt, findet seine Entsprechung in modernen Cyberkriminellen.
Die Geschichte wirft zeitlose Fragen auf: Macht der Zweck die Mittel heilig? Ist eine gute Tat noch gut, wenn sie mit schlechten Mitteln finanziert wird? Wie gehen wir mit den Opfern von Wirtschaftskriminalität um, den "kleinen Leuten" wie Herrn Paulig? Die Darstellung der Polizeiarbeit – mit Überwachung, Personaleinsatz und der Gratwanderung zwischen Pflicht und Frust – ist ebenfalls hochaktuell. Die Erzählung bleibt relevant, weil sie menschliche Schwächen, die Versuchung des schnellen Geldes und den Wunsch nach Anerkennung (hier als "Weihnachtsmann") universell und zeitlos darstellt.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte ist ein vielseitiger Begleiter für verschiedene Anlässe in der Vorweihnachtszeit und an den Feiertagen selbst.
- Vorlesen am Familienabend: Sie bietet für Jugendliche und Erwachsene mehr Tiefgang und Spannung als ein reines Kinder-Märchen.
- Weihnachtsfeiern: Ob im Verein, im Büro oder im Freundeskreis – die Geschichte mit ihrem humorvollen Ende und der Thematisierung von Kollegialität ist ein perfekter Einstieg für eine gesellige Runde.
- Literarischer Adventskalender: Als eine der "Türchen"-Geschichten für Erwachsene, die Abwechslung zu rein besinnlichen Texten suchen.
- Unterricht: Im Deutsch- oder Gesellschaftskundeunterricht bietet sie Diskussionsstoff über Werte, Kriminalität und soziale Gerechtigkeit.
- Eigene Besinnung: Zum gemütlichen Selbstlesen an einem Dezemberabend, wenn du eine Weihnachtsgeschichte mit Biss und cleverem Plot suchst.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte eignet sich primär für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene. Die komplexe Handlung mit ihrem doppelbödigen Plot, den kriminologischen Details und der ironischen Erzählweise erfordert ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und Textverständnis. Jugendliche können die sozialkritischen Aspekte und die Spannung schätzen lernen. Erwachsene werden zusätzlich die feine Charakterzeichnung, die satirischen Elemente über Bürokratie und die menschlichen Abgründe hinter der weihnachtlichen Fassade zu schätzen wissen. Die Länge und der Aufbau sind ideal für eine zusammenhängende Lese- oder Vorlesesession von 15-20 Minuten.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Für einige Zielgruppen ist diese Erzählung weniger passend. Dazu gehören:
- Kleine Kinder (unter 10 Jahren): Die Handlung ist zu komplex, die Motive des Täters zu undurchsichtig. Der Betrug als zentrales Element und die polizeiliche Arbeit sind für diese Altersgruppe oft noch nicht nachvollziehbar oder sogar beängstigend. Sie erwarten vielleicht eine eindeutig positive, wunderbare Weihnachtsgeschichte.
- Leser, die eine rein besinnliche, fromme Weihnachtserzählung suchen: Wer explizit die Geburt Christi, Engel oder wundersame Geschehnisse im Mittelpunkt erwartet, wird hier nicht fündig. Der religiöse Überbau fehlt vollständig.
- Personen, die sehr einfache, lineare und konfliktfreie Geschichten bevorzugen: Der mehrschichtige Plot mit seinen Wendungen und der moralischen Ambivalenz erfordert Aufmerksamkeit und kann für manche als zu "kompliziert" für eine Weihnachtsgeschichte empfunden werden.
Wenn du also eine traditionelle, kindgerechte oder explizit religiöse Geschichte suchst, gibt es bessere Alternativen. "Edle Tannen" ist die perfekte Wahl für alle, die das Weihnachtsgenre einmal intelligent, spannend und mit einem zwinkernden Auge erleben möchten.