Marthe und ihre Uhr
Kategorie: Weihnachtsgeschichten zum Nachdenken
Marthe und ihre Uhr Lesezeit: ca. 10 Minuten Während der letzten Jahre meines Schulbesuchs wohnte ich in einem kleinen Bürgerhause der Stadt, worin aber von Vater, Mutter und vielen Geschwistern nur eine alternde unverheiratete Tochter zurückgeblieben war. Die Eltern und zwei Brüder waren gestorben, die Schwestern bis auf die jüngste, welche einen Arzt am selbigen Ort geheiratet hatte, ihren Männern in entfernte Gegenden gefolgt. So blieb denn Marthe allein in ihrem elterlichen Hause, worin sie sich durch das Vermieten des früheren Familienzimmers und mit Hülfe einer kleinen Rente spärlich durchs Leben brachte. Doch kümmerte es sie wenig, daß sie nur sonntags ihren Mittagstisch decken konnte; denn ihre Ansprüche an das äußere Leben waren fast keine; eine Folge der strengen und sparsamen Erziehung, welche der Vater sowohl aus Grundsatz als auch in Rücksicht seiner beschränkten bürgerlichen Verhältnisse allen seinen Kindern gegeben hatte. Wenn aber Marthen in ihrer Jugend nur die gewöhnliche Schulbildung zuteil geworden war, so hatte das Nachdenken ihrer späteren einsamen Stunden, vereinigt mit einem behenden Verstande und dem sittlichen Ernst ihres Charakters, sie doch zu der Zeit, in welcher ich sie kennenlernte, auf eine für Frauen, namentlich des Bürgerstandes, ungewöhnlich hohe Bildungsstufe gehoben. Freilich sprach sie nicht immer grammatisch richtig, obgleich sie viel und mit Aufmerksamkeit las, am liebsten geschichtlichen oder poetischen Inhalts; aber sie wußte sich dafür meistens über das Gelesene ein richtiges Urteil zu bilden und, was so wenigen gelingt, selbständig das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Mörikes "Maler Nolten", welcher damals erschien, machte großen Eindruck auf sie, so daß sie ihn immer wieder las; erst das Ganze, dann diese oder jene Partie, wie sie ihr eben zusagte. Die Gestalten des Dichters wurden für sie selbstbestimmende lebende Wesen, deren Handlungen nicht mehr an die Notwendigkeit des dichterischen Organismus gebunden waren; und sie konnte stundenlang darüber nachsinnen, auf welche Weise das hereinbrechende Verhängnis von so vielen geliebten Menschen dennoch hätte abgewandt werden können.
Autor: Theodor Storm
Die Langeweile drückte Marthen in ihrer Einsamkeit nicht, wohl aber zuweilen ein Gefühl der Zwecklosigkeit ihres Lebens nach außen hin; sie bedurfte jemandes, für den sie hätte arbeiten und sorgen können. Bei dem Mangel näher Befreundeter kam dieser löbliche Trieb ihren jeweiligen Mietern zugute, und auch ich habe manche Freundlichkeit und Aufmerksamkeit von ihrer Hand erfahren. – An Blumen hatte sie eine große Freude, und es schien mir ein Zeichen ihres anspruchslosen und resignierten Sinnes, daß sie unter ihnen die weißen und von diesen wieder die einfachen am liebsten hatte. Es war immer ihr erster Festtag im Jahre, wenn ihr die Kinder der Schwester aus deren Garten die ersten Schneeglöckchen und Märzblumen brachten; dann wurde ein kleines Porzellankörbchen aus dem Schrank herabgenommen, und die Blumen zierten unter ihrer sorgsamen Pflege wochenlang die kleine Kammer.
Da Marthe seit dem Tode ihrer Eltern wenig Menschen um sich sah und namentlich die langen Winterabende fast immer allein zubrachte, so lieh die regsame und gestaltende Phantasie, welche ihr ganz besonders eigen war, den Dingen um sie her eine Art von Leben und Bewußtsein. Sie borgte Teilchen ihrer Seele aus an die alten Möbeln ihrer Kammer, und die alten Möbeln erhielten so die Fähigkeit, sich mit ihr zu unterhalten; meistens freilich war diese Unterhaltung eine stumme, aber sie war dafür desto inniger und ohne Mißverständnis. Ihr Spinnrad, ihr braungeschnitzter Lehnstuhl waren gar sonderbare Dinge, die oft die eigentümlichsten Grillen hatten, vorzüglich war dies aber der Fall mit einer altmodischen Stutzuhr, welche ihr verstorbener Vater vor über funfzig Jahren, auch damals schon als ein uraltes Stück, auf dem Trödelmarkt zu Amsterdam gekauft hatte. Das Ding sah freilich seltsam genug aus: zwei Meerweiber, aus Blech geschnitten und dann übermalt, lehnten zu jeder Seite ihr langhaariges Antlitz an das vergilbte Zifferblatt; die schuppigen Fischleiber, welche von einstiger Vergoldung zeugten, umschlossen dasselbe nach unten zu; die Weiser schienen dem Schwanze eines Skorpions nachgebildet zu sein. Vermutlich war das Räderwerk durch langen Gebrauch verschlissen; denn der Perpendikelschlag war hart und ungleich, und die Gewichte schossen zuweilen mehrere Zoll mit einem Mal hinunter.
Diese Uhr war die beredteste Gesellschaft ihrer Besitzerin; sie mischte sich aber auch in alle ihre Gedanken. Wenn Marthe in ein Hinbrüten über ihre Einsamkeit verfallen wollte, dann ging der Perpendikel tick, tack! tick, tack! immer härter, immer eindringlicher; er ließ ihr keine Ruh, er schlug immer mitten in ihre Gedanken hinein. Endlich mußte sie aufsehen; – da schien die Sonne so warm in die Fensterscheiben, die Nelken auf dem Fensterbrett dufteten so süß; draußen schossen die Schwalben singend durch den Himmel. Sie mußte wieder fröhlich sein, die Welt um sie her war gar zu freundlich.
Die Uhr hatte aber auch wirklich ihren eigenen Kopf; sie war alt geworden und kehrte sich nicht mehr so gar viel an die neue Zeit; daher schlug sie oft sechs, wenn sie zwölf schlagen sollte, und ein andermal, um es wieder gutzumachen, wollte sie nicht aufhören zu schlagen, bis Marthe das Schlaglot von der Kette nahm. Das wunderlichste war, daß sie zuweilen gar nicht dazu kommen konnte; dann schnurrte und schnurrte es zwischen den Rädern, aber der Hammer wollte nicht ausholen; und das geschah meistens mitten in der Nacht. Marthe wurde jedesmal wach; und mochte es im klingendsten Winter und in der dunkelsten Nacht sein, sie stand auf und ruhte nicht, bis sie die alte Uhr aus ihren Nöten erlöst hatte. Dann ging sie wieder zu Bette und dachte sich allerlei, warum die Uhr sie wohl geweckt habe, und fragte sich, ob sie in ihrem Tagewerk auch etwas vergessen, ob sie es auch mit guten Gedanken beschlossen habe.
Nun war es Weihnachten. Den Christabend, da ein übermäßiger Schneefall mir den Weg zur Heimat versperrte, hatte ich in einer befreundeten, kinderreichen Familie zugebracht; der Tannenbaum hatte gebrannt, die Kinder waren jubelnd in die lang verschlossene Weihnachtsstube gestürzt; nachher hatten wir die unerläßlichen Karpfen gegessen und Bischof dazu getrunken; nichts von der herkömmlichen Feierlichkeit war versäumt worden. – Am andern Morgen trat ich zu Marthe in die Kammer, um ihr den gebräuchlichen Glückwunsch zum Feste abzustatten. Sie saß mit untergestütztem Arm am Tische; ihre Arbeit schien längst geruht zu haben.
"Und wie haben Sie denn gestern Ihren Weihnachtabend zugebracht?" fragte ich.
Sie sah zu Boden und antwortete: "Zu Hause."
"Zu Hause? Und nicht bei Ihren Schwesterkindern?"
"Ach", sagte sie, "seit meine Mutter gestern vor zehn Jahren hier in diesem Bette starb, bin ich am Weihnachtabend nicht ausgegangen. Meine Schwester schickte gestern wohl zu mir, und als es dunkel wurde, dachte ich wohl daran, einmal hinzugehen; aber – die alte Uhr war auch wieder so drollig; es war akkurat, als wenn sie immer sagte: Tu es nicht, tu es nicht! Was willst du da? Deine Weihnachtsfeier gehört ja nicht dahin!"
Und so blieb sie denn zu Haus in dem kleinen Zimmer, wo sie als Kind gespielt, wo sie später ihren Eltern die Augen zugedrückt hatte, und wo die alte Uhr pickte ganz wie dazumalen. Aber jetzt, nachdem sie ihren Willen bekommen und Marthe das schon hervorgezogene Festkleid wieder in den Schrank verschlossen hatte, pickte sie so leise, ganz leise und immer leiser, zuletzt unhörbar. – Marthe durfte sich ungestört der Erinnerung aller Weihnachtabende ihres Lebens überlassen: Ihr Vater saß wieder in dem braungeschnitzten Lehnstuhl; er trug das feine Sammetkäppchen und den schwarzen Sonntagsrock; auch blickten seine ernsten Augen heute so freundlich; denn es war Weihnachtabend, Weihnachtabend vor – ach, vor sehr, sehr vielen Jahren! Ein Weihnachtsbaum zwar brannte nicht auf dem Tisch – das war ja nur für reiche Leute; – aber statt dessen zwei hohe dicke Lichter; und davon wurde das kleine Zimmer so hell, daß die Kinder ordentlich die Hand vor die Augen halten mußten, als sie aus der dunklen Vordiele hineintreten durften. Dann gingen sie an den Tisch, aber nach der Weise des Hauses ohne Hast und laute Freudenäußerung, und betrachteten was ihnen das Christkind einbeschert hatte. Das waren nun freilich keine teuern Spielsachen, auch nicht einmal wohlfeile; sondern lauter nützliche und notwendige Dinge, ein Kleid, ein Paar Schuhe, eine Rechentafel, ein Gesangbuch und dergleichen mehr; aber die Kinder waren gleichwohl glücklich mit ihrer Rechentafel und ihrem neuen Gesangbuch, und sie gingen eins ums andere dem Vater die Hand zu küssen, der währenddessen zufrieden lächelnd in seinem Lehnstuhl geblieben war. Die Mutter mit ihrem milden freundlichen Gesicht unter dem enganliegenden Scheiteltuch band ihnen die neue Schürze vor und malte ihnen Zahlen und Buchstaben zum Nachschreiben auf die neue Tafel. Doch sie hatte nicht gar lange Zeit, sie mußte in die Küche und Apfelkuchen backen; denn das war für die Kinder eine Hauptbescherung am Weihnachtabend; die mußten notwendig gebacken werden. Da schlug der Vater das neue Gesangbuch auf und stimmte mit seiner klaren Stimme an: "Frohlockt, lobsinget Gott"; die Kinder aber, die alle Melodien kannten, stimmten ein: "Der Heiland ist gekommen"; und so sangen sie den Gesang zu Ende, indem sie alle um des Vaters Lehnstuhl herumstanden. Nur in den Pausen hörte man in der Küche das Hantieren der Mutter und das Prasseln der Apfelkuchen.
Tick, tack! ging es wieder; tick, tack! immer härter und eindringlicher. Marthe fuhr empor; da war es fast dunkel um sie her, draußen auf dem Schnee nur lag trüber Mondschein. Außer dem Pendelschlag der Uhr war es totenstill im Hause. Keine Kinder sangen in der kleinen Stube, kein Feuer prasselte in der Küche. Sie war ja ganz allein zurückgeblieben; die andern waren alle, alle fort. – Aber was wollte die alte Uhr denn wieder? – Ja, da warnte es auf elf – und ein anderer Weihnachtabend tauchte in Marthens Erinnerung auf, ach! ein ganz anderer; viele, viele Jahre später! Der Vater und die Brüder waren tot, die Schwestern verheiratet; die Mutter, welche nun mit Marthen allein geblieben war, hatte schon längst des Vaters Platz im braunen Lehnstuhl eingenommen und ihrer Tochter die kleinen Wirtschaftssorgen übertragen; denn sie kränkelte seit des Vaters Tode, ihr mildes Antlitz wurde immer blässer, und ihre freundlichen Augen blickten immer matter; endlich mußte sie auch den Tag über im Bette bleiben. Das war schon über drei Wochen, und nun war es Weihnachtabend. Marthe saß an ihrem Bett und horchte auf den Atem der Schlummernden; es war totenstill in der Kammer, nur die Uhr pickte. Da warnte es auf elf, die Mutter schlug die Augen auf und verlangte zu trinken. "Marthe", sagte sie, "wenn es erst Frühling wird und ich wieder zu Kräften gekommen bin, dann wollen wir deine Schwester Hanne besuchen; ich habe ihre Kinder eben im Traume gesehen – du hast hier gar zu wenig Vergnügen." – Die Mutter hatte ganz vergessen, daß Schwester Hannes Kinder im Spätherbst gestorben waren; Marthe erinnerte sie auch nicht daran, sie nickte schweigend mit dem Kopf und faßte ihre abgefallenen Hände. Die Uhr schlug elf.
Auch jetzt schlug sie elf – aber leise, wie aus weiter, weiter Ferne.
Da hörte Marthe einen tiefen Atemzug; sie dachte, die Mutter wolle wieder schlafen. So blieb sie sitzen, lautlos, regungslos, die Hand der Mutter noch immer in der ihren; am Ende verfiel sie in einen schlummerähnlichen Zustand. Es mochte so eine Stunde vergangen sein; da schlug die Uhr zwölf! – Das Licht war ausgebrannt, der Mond schien hell ins Fenster; aus den Kissen sah das bleiche Gesicht der Mutter. Marthe hielt eine kalte Hand in der ihrigen. Sie ließ diese kalte Hand nicht los, sie saß die ganze Nacht bei der toten Mutter.
So saß sie jetzt bei ihren Erinnerungen in derselben Kammer, und die alte Uhr pickte bald laut, bald leise; sie wußte von allem, sie hatte alles mit erlebt, sie erinnerte Marthe an alles, an ihre Leiden, an ihre kleinen Freuden.
Ob es noch so gesellig in Marthens einsamer Kammer ist? Ich weiß es nicht; es sind viele Jahre her, seit ich in ihrem Hause wohnte, und jene kleine Stadt liegt weit von meiner Heimat. – Was Menschen, die das Leben lieben, nicht auszusprechen wagen, pflegte sie laut und ohne Scheu zu äußern: "Ich bin niemals krank gewesen; ich werde gewiß sehr alt werden."
Ist ihr Glaube ein richtiger gewesen und sollten diese Blätter den Weg in ihre Kammer finden, so möge sie sich beim Lesen auch meiner erinnern. Die alte Uhr wird helfen; sie weiß ja von allem Bescheid.
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext zu Theodor Storm
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung der Geschichte
- Moral und Werte der Geschichte
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Theodor Storms "Marthe und ihre Uhr" ist weit mehr als eine einfache Weihnachtserzählung. Sie ist ein sensibles Porträt von Einsamkeit, Erinnerung und der menschlichen Fähigkeit, in der Stille Trost und Sinn zu finden. Im Zentrum steht Marthe, eine Frau, die durch äußere Umstände in die Rolle einer Beobachterin des Lebens gedrängt wurde. Ihre Welt ist klein, doch ihr Innenleben ist umso reicher. Die alte, eigenwillige Uhr wird zum zentralen Symbol und zum personifizierten Gefährten. Sie ist nicht nur Zeitmesser, sondern auch Gewissen, Erinnerungsspeicher und Verbindung zur Vergangenheit. Durch ihr unregelmäßiges Ticken und Schlagen unterbricht sie Marthes Grübeleien, lenkt sie ab oder stößt gezielt Erinnerungsprozesse an. Die Uhr strukturiert so Marthes inneres Erleben und wird zum Medium, durch das die vergangenen Weihnachtsfeste – einmal fröhlich-kindlich, einmal tragisch-abschiedlich – lebendig werden. Die Geschichte zeigt, wie Gegenwart und Vergangenheit in einem einsamen Gemüt ineinanderfließen und wie scheinbar leblose Gegenstände durch emotionale Projektion zu Trägern von Bedeutung und Trost werden können. Der Weihnachtsabend fungiert hier nicht als Tag des lauten Feierns, sondern als stiller Trigger für biografische Reflexion, was die Erzählung zu einem sehr intimen und ungewöhnlichen Beitrag zur Weihnachtsliteratur macht.
Biografischer Kontext zu Theodor Storm
Theodor Storm (1817-1888) ist einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen poetischen Realismus. Viele seiner Werke, darunter auch diese Novelle, sind geprägt von der Atmosphäre seiner norddeutschen Heimat Husum, der "grauen Stadt am Meer". Storms Literatur kreist häufig um Themen wie Heimatverlust, Vergänglichkeit, die Macht der Erinnerung und das einfache, oft entbehrungsreiche Leben im Bürgertum. "Marthe und ihre Uhr" spiegelt diese Motive perfekt wider. Die genaue Schilderung der kleinbürgerlichen, strengen und sparsamen Lebensverhältnisse, die melancholische Grundstimmung und die psychologische Vertiefung einer unscheinbaren Figur sind typisch für sein Schaffen. Storm hatte ein feines Gespür für die unter der Oberfläche wirkenden Gefühle und die stummen Dramen des Alltags. Die Wahl einer einsamen, alternden Frau als Protagonistin zeigt sein Interesse an gesellschaftlichen Randfiguren und seiner Fähigkeit, deren Würde und komplexes Innenleben sichtbar zu machen. Die Geschichte entstand in einer Schaffensperiode, in der Storm sich intensiv mit Novellen und kürzeren Erzählformen beschäftigte, die oft eine starke stimmungsvolle Atmosphäre erzeugen.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine sehr dichte und vielschichtige Stimmung, die sich im Verlauf des Textes wandelt. Dominierend ist eine tiefe, aber nicht hoffnungslose Melancholie. Die Schilderung von Marthes einsamer Existenz, der verwaisten Räume und der stillen Winterabende umgibt den Text mit einer sanften Schwermut. Gleichzeitig herrscht eine fast meditative Stille und Kontemplation vor, die durch das gleichmäßige (oder ungleichmäßige) Ticken der Uhr noch unterstrichen wird. In den Rückblenden auf die Kinderweihnacht bricht kurz eine warme, nostalgische und behagliche Stimmung durch, die von Kerzenschein, Gesang und familiärer Geborgenheit geprägt ist. Der Bericht vom Tod der Mutter ist dann von einer gespannten, ergreifenden und traurigen Stille erfüllt. Insgesamt ist die Grundstimmung ruhig, nachdenklich und von einer poetischen Verklärung der Vergangenheit durchzogen, ohne dabei kitschig zu werden. Es ist die Stimmung eines stillen Innehaltens in der hektischen Weihnachtszeit.
Emotionale Wirkung der Geschichte
"Marthe und ihre Uhr" löst beim Leser ein komplexes Geflecht von Emotionen aus. Zunächst einmal Mitgefühl und Rührung für die einsame Marthe. Ihre resignierte Zufriedenheit und ihr stiller Heldenmut im Alltag berühren. Die plastischen Kindheitserinnerungen wecken Nostalgie und vielleicht auch Wehmut um eine verlorene, einfachere Welt. Die Szene am Sterbebett der Mutter ist von großer Traurigkeit und ergreifender Stille. Doch die Geschichte hinterlässt nicht nur depressive Gefühle. Marthes innige Beziehung zu ihrer Umgebung, ihre Fähigkeit, in Büchern, Blumen und sogar in einer Uhr Trost und Gesellschaft zu finden, erzeugt auch Bewunderung und eine Art friedvolle Nachdenklichkeit. Die Schlussworte, in denen die Hoffnung auf ein langes Leben und die fortdauernde Verbindung durch die Uhr mitschwingen, spenden ein vorsichtiges Gefühl von Trost und Kontinuität. Man legt die Geschichte nachdenklich, ein wenig wehmütig, aber auch beruhigt zur Seite.
Moral und Werte der Geschichte
Im Vordergrund dieser Weihnachtsgeschichte stehen weniger explizit christliche Botschaften, sondern vielmehr allgemein menschliche und bürgerliche Tugenden. Zentrale Werte sind:
- Bescheidenheit und Genügsamkeit: Marthes anspruchsloses Leben, ihre Freude an einfachen weißen Blumen und die Schilderung der kindlichen Weihnacht mit "nützlichen" Geschenken preisen eine Haltung der Zufriedenheit mit dem Notwendigen.
- Pflichtbewusstsein und Fürsorge: Marthes "löblicher Trieb", für andere da zu sein, ihr pflichtvolles Wachen am Sterbebett der Mutter.
- Familienbindung und Pietät: Die tiefe Verbundenheit mit den verstorbenen Eltern und die Treue zu den familiären Traditionen und Räumen sind ein starker Antrieb für Marthe.
- Innerer Reichtum und Bildung: Storm betont, dass trotz einfacher Schulbildung ein reiches Geistesleben durch Lesen und Nachdenken möglich ist.
- Respekt vor der Vergangenheit und den Dingen: Die personifizierte Uhr symbolisiert, dass Erinnerung und Geschichte in Gegenständen weiterleben und uns leiten können.
Diese Werte passen sehr gut zu Weihnachten als einem Fest der inneren Einkehr, der Familie (auch im Gedächtnis) und der Besinnung auf das Wesentliche jenseits materiellen Glanzes.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die Themen der Erzählung sind heute vielleicht sogar relevanter denn je. In einer schnelllebigen, lauten und oft oberflächlichen Zeit spricht "Marthe und ihre Uhr" von der Kraft der Stille und der bewussten Entschleunigung. Marthes Leben ist ein Gegenentwurf zur ständigen Reizüberflutung. Die Geschichte wirft Fragen auf, die in einer alternden Gesellschaft brisant sind: Wie gehen wir mit Einsamkeit um? Wie finden wir Sinn außerhalb von Beruf und klassischer Familienstruktur? Marthes kreative Strategie, sich eine Welt voll Bedeutung und "Gesellschaft" zu schaffen, ist ein inspirierendes Beispiel für geistige Autonomie. Zudem thematisiert sie den emotionalen Wert von Erinnerung und Tradition in einer Welt, die oft nur nach vorne blickt. In Zeiten von "Decluttering" und radikalem Minimalismus stellt Storm die Frage, welche tiefe, persönliche Geschichte und welcher Trost in alten, scheinbar nutzlosen Dingen wohnen kann. Die Geschichte ist somit ein zeitloses Plädoyer für die Tiefe des einfachen Lebens und die Pflege der inneren Welt.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich perfekt für stille Momente in der Advents- und Weihnachtszeit, insbesondere am Heiligabend oder an einem ruhigen Adventssonntag. Sie ist ideal zum Vorlesen im kleinen, erwachsenen Familienkreis, wenn die Hektik des Tages verklungen ist und eine nachdenkliche Stimmung einkehrt. Sie passt auch ausgezeichnet zu einem literarischen Adventskalender oder als Beitrag in einem Weihnachtslesekreis, der sich mit anspruchsvollerer Weihnachtsliteratur beschäftigen möchte. Da sie nicht explizit fröhlich ist, sondern zum Reflektieren anregt, ist sie ein guter Ausgleich zum oft konsumorientierten und lauten Teil des Festes. Man kann sie als eine Art literarische Andacht verstehen, die Raum für eigene Erinnerungen und Gedanken schafft.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte eignet sich primär für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren. Junge Erwachsene können bereits die psychologische Tiefe und die Themen Einsamkeit und Vergänglichkeit nachvollziehen. Ältere Leserinnen und Leser werden die Nuancen der Erinnerung, die Beschreibung des Alterns und den Blick auf die verlorene Kindheit besonders schätzen und sich vielleicht sogar mit Marthe identifizieren können. Die Sprache Storms ist zwar klar, aber anspruchsvoll und setzt ein gewisses Maß an Konzentrationsfähigkeit und Lebenserfahrung voraus, um die subtile Stimmung und die nicht ausgesprochenen Gefühle voll erfassen zu können.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte ist weniger geeignet für Kinder, da ihnen die langsame Erzählweise, die fehlende action und die tragischen Elemente (Tod der Mutter) wahrscheinlich nicht zugänglich sind. Sie wäre für sie langweilig und möglicherweise beängstigend. Auch für Leser, die an Heiligabend eine unbeschwerte, fröhliche und eindeutig festliche Weihnachtserzählung mit einem klaren Happy End suchen, könnte "Marthe und ihre Uhr" enttäuschend oder zu düster wirken. Wer Unterhaltung im Sinne von Spannung oder Herzschmerz-Romanze sucht, ist hier falsch. Die Erzählung verlangt dem Leser eine gewisse Bereitschaft zur Kontemplation und zum Eintauchen in eine subtile, melancholische Atmosphäre ab.